Anita-Augspurg-Preis der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit an eine „Rebellin gegen den Krieg“

10. Oktober 2017

So bilden verantwortungsvolle Frauen eine Brücke aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft!

Bericht von Heidi Meinzolt

Besonders gefiel mir die gelungene Kombination aus der Vermittlung historischen Wissens über eine kämpferische Frauenrechtlerin und Pazifistin mit der Gegenwart und Zukunft frauen-und friedenspolitischen Engagements. Es mag ja einerseits frustrierend sein, wieder einmal hautnah die Aktualität Anita Augspurg’s Wirkens gegen Kriegstreiberei, Gewalt und Frauendiskriminierung – gerade am Wahlwochenende – zu spüren. Andererseits bleibt gerade durch die Solidarität, Aufrichtigkeit und Tatkraft mutiger (junger) Frauen der Ansporn, sich weiterhin
„unaufhörlich für den Frieden(1)“ zu engagieren.

Anita Augspurg wird in ihrem Geburtsort Verden – dem ersten „Frauenort“ in Niedersachsen – hochgehalten. Es gibt nicht nur einen Anita Augspurg-Platz (der erst nach heftigen kommunalen Kämpfen ihr zu Ehren umbenannt und zur Preisverleihung von Kritikern auffallend geschwärzt wurde), sondern auch regelmäßig Stadtführungen mit einem umfassenden Blick auf ihr Leben und Wirken, eine Ausstellung, Gedenktafeln, ein Theaterstück und vor allem Frauen vor Ort und in der Region, die ihr Andenken aktiv weitertragen.

Für die Internationale Frauenliga IFFF/WILPF hat die Tragweite von Anita Augspurg’s Engagements – auch über 100 Jahre nach der Gründung – nicht an Brisanz verloren. Ihr Vermächtnis ist unser Auftrag international vernetzt weiter zu streiten für menschliche Sicherheit, Gerechtigkeit und Abrüstung. Die Preisverleihung fand 2017 zum ersten Mal statt an Anita Augspurgs 160.  Geburtstag; und so fanden lokales und internationales „Politisches“ zusammen, denn die Preisträgerin, die syrische Journalistin und Filmemacherin Zaina Erheim, führt in gewisser Weise  Augspurgs Überzeugung gegen Krieg und Gewalt in der Gegenwart fort.

Barbara Lochbihler hat in ihrer Laudatio die Brücke formuliert: „Bereitschaft sich über gesellschaftliche Konventionen hinwegzusetzen, das Bewusstsein, dass Frauen zentrale Akteure gegen Repression, Gewalt und Krieg sind und den Mut und ihre Unabhängigkeit in ihrem politischen Handeln“. Zaina Erheim gibt Frauen im alltäglichen Wahnsinn des Syrienkrieges eine Stimme. Ihre jugendliche Präsenz, ihre künstlerische Kreativität, verbunden mit dem trotzigen Mut einer Frau, die gegen Konventionen ankämpft und weiß was sie will, kommt in persönlichen Gesprächen, insbesondere aber in ihren Filmen überzeugend zum Ausdruck. Sie dokumentiert, was Frauen (der Weltöffentlichkeit) zu sagen haben, ihre unterschiedliche Sichtweisen auf den Krieg, ihr Leiden, die menschlichen Verluste und macht weibliche Überlebensstrategien transparent. Zaina hat die Frauen in ihrem Umfeld immer wieder getroffen, sie ausgebildet und gestärkt und dem vorherrschenden Patriarchat in der traditionellen Gesellschaft etwas entgegengesetzt. Man wünscht sich, dass viele Menschen diese rebellischen Frauen sehen; gerade die, die zunehmend gegen individuelles und kollektives Leiden abstumpfen durch die Medienberichterstattung und die darin vorherrschende Präsenz von Regierungs-und Rebellenvertretern. Ihre Bilder ziehen das Publikum hinein in die Ausweglosigkeit und Grausamkeit politischer Machtspiele und die Zerstörung des Alltags. Sie zeigen Gesichter starker Frauen im inneren und äußeren Widerstand. Für ihre Arbeiten hat sie journalistische Preise gewonnen – der Rebellinnenpreis war ihr erster Preis einer Frauenorganisation, den sie im Sinne der Stifterinnen für weitere Frauenprojekte umsetzt.

Im Anschluss an die Preisverleihung durften wir uns mit den weltpolitischen Konstellationen rund um den Syrienkonflikt aus Sicht der Nahostexpertin Dagmar Ihlau von „AMICA“ befassen. Das Gespräch mit zwei Expertinnen aus Syrien aus zwei unterschiedlichen Generationen und Erfahrungshorizonten ergänzte dies. Beide leben inzwischen in Deutschland im Exil. Joumana Seif, die Menschenrechts-anwältin, hat ihren Glauben an eine demokratische Zukunft in ihrer Heimat seit dem Arabischen Frühling nicht aufgegeben und bleibt eine scharfe Kritikerin des Assad-Regimes. Sie setzt sich (juristisch und politisch) für Frauen in Syrien ein, lässt Kontakte nicht abreißen und ist in diversen internationalen Verhandlungsformaten in Genf aktiv. Mariana Kharkoutly ist Studentin und engagiert sich in der Flüchtlingsarbeit in Berlin – insbesondere mit geflüchteten Frauen. Sie leistet mit der Gruppe von YoungWILPF wertvolle Integrationsarbeit und politische Aufklärung.

Schließlich diskutierten 10 junge Frauen über ihre Hoffnungen und ihr Engagement gegen Krieg und Gewalt. Sie kamen mit Unterstützung des BMFSFJ aus Konfliktregionen, lokalen und internationalen Organisationen, um sich auszutauschen und gemeinsam Perspektiven zu entwickeln. Unter der Leitung von Marieke Eilers ging es um ein breites Themenspektrum: die Umsetzung der UNR1325, Feminismus, Empowerment, Militarisierung, Abrüstung, Recht auf Abtreibung, Meinungsfreiheit, Bildung und Wege aus patriarchaler Unterdrückung. Sie kamen aus Polen, Kosovo, Schweiz, Deutschland, England, Dänemark, Finnland, Tunesien, Ukraine und Georgien. Ihre Lebensumstände sind verschieden, ihre Träume und Perspektiven vergleichbar. Sie leben in und mit Konflikten. Sie griffen die Gedanken der „Vormütter“ interessiert auf und denken sie weiter. Sie sind hell wach, wenn es um Ignoranz und Rassismus geht, wollen Frauen stärken gegen patriarchale Machtstrukturen und nationalistische Aufwallungen. Sie sind Protagonistinnen einer menschlicheren Gesellschaft.

So konnten wir zum Abschluss sicher sein, dass diese jungen Frauen die Anliegen von Anita Augspurg, der IFFF/WILPF und vieler Menschen verantwortungsvoll in die Zukunft transportieren. Ihre Vernetzung, ihre Freude am (intergenerationellen) Austausch lassen die Hoffnung aufkeimen, die wir in diesen Zeiten auseinanderdriftender Nationen, Militarisierung und Gender-Bashing dringend benötigen.

Die Veranstaltung hat der Aktualität und der Nachhaltigkeit in der Friedensfrage und Konfliktlösungskapazität von Frauen im Bereich der Umsetzung der UNSCR1325 und der WPS-Agenda deutlich Rechnung getragen.

(1) Titel der gleichnamigen Ausstellung der IFFF über 100 Jahre Frauenfriedensgeschichte – zur Zeit im Verdener Rathaus

Bericht zum Downlaod als PDF

Siehe auch Reden, Pressespiegel und Bilder