Arme Anita Augspurg

10. März 2016

Kein Anita Augspurg Preis für die IFFF

Arme Anita Augspurg! 73 Jahre nach deinem Tod im Schweizer Exil wird nun die Organisation, die du mit so viel Herzblut und Engagement mitten im 1. Weltkrieg gegründet hast und die als Gruppe der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit noch immer in deiner Geburtsstadt München für Frieden und Gerechtigkeit arbeitet, nach „aktueller Lesart“ des Antisemitismus bezichtigt.

Du würdest dich im Grabe umdrehen, wenn du mitansehen müsstest, welcher Schaden damit für die Frauen und ihre Rechte insgesamt in der Stadt entsteht. Die Gleichstellungsstelle, die Gleichstellungskommission haben sich einstimmig hinter die Preisverleihung an die IFFF/WILPF gestellt und dies detailliert begründet. Viele Frauen-und Friedensgruppe in München haben sich darüber gefreut, dass diesmal ein politisches Engagement gewürdigt werden sollte, in einer Zeit, in der Krieg und Gewalt mitten in unsere Gesellschaft wieder Eingang findet. Jetzt dieses „Aus“- es wird 2016 keinen Preis geben und die IFFF/WILPF ist schwer getroffen. Aber sie bleibt kämpferisch.

Du, die mit Jüdinnen, mit Frauen aus kriegsführenden und nicht kriegsführenden Ländern eng zusammengearbeitet hast und immer Rechtsverletzungen und Gewalt angeprangert hast, würdest dich fragen, warum man immer noch nicht Unrecht beim Namen nennen darf und Wege aus der Gewaltspirale ignoriert!

Wir als Vertreterinnen der IFFF sehen uns in der Kontinuität deiner Arbeit, indem wir nicht nur die Beteiligung von Frauen an Konfliktlösung verlangen, sondern universelle Abrüstung fordern und gegen Gewalt an Frauen aktiv sind. Jetzt sehen wir uns auch in deiner Nachfolge der Diskriminierungen und Diskreditierungen, die dir und deinen Freundinnen bereits im 1. Weltkrieg widerfahren sind, als ihr euch weigertet dem Kriegstaumel nachzugeben und auch nicht als Lazarettschwester oder sockenstrickende Frauen für die Soldaten die Kriegsmaschinerie am Laufen zu halten; als ihr dafür geschmäht wurdet, die Nationalisten der Kaiserzeit nicht zu unterstützen und ihr verfolgt wurdet, weil ihr bereits 1923 die Ausweisung Hitlers betrieben habt, und 1933 ins Exil gehen musstet; als Ligafrauen nach dem 2. Weltkrieg gegen die Wiederbewaffnung aktiv wurden und unter Kommunismusverdacht bis in die 70er Jahre bespitzelt wurden.

Genauso nennen wir heute auch unangenehme Wahrheiten beim Namen. Dazu gehört u.a. die Jahrzehnte lange Missachtung von UNO-Resolutionen, die zur Beendigung der Besatzungs-und Siedlungspolitik in Israel aufrufen. Wir tun dies übrigens immer im Konsens mit unseren FreundInnen in Israel und Palästina – die auch in ihrer Comunity als Friedensfrauen oft angefeindet werden. Wir sind uns darüber einig, dass es kein Freundschaftsdienst für Israel ist, wenn man Kritik an der Regierung nicht zulässt und die Menschen in ihrer Friedenshoffnung alleine lässt. „Wir weigern uns, Feinde zu sein!“

Wir fragen uns schon, mit welchem Recht die Münchner CSU eine Frauenfriedensorganisation derart verunglimpft, die als Partei selbst gerade die Genfer Flüchtlingskonvention und internationalen Recht ignoriert durch Obergrenzen für Flüchtlinge und die Sperrung der Zufluchtsrouten für verfolgte Menschen, unter ihnen viele Frauen und Kinder. Sie liefern diese willkürlich Elend, Hunger, sexuellen Übergriffen und Angst aus!

Wir wenden uns gegen den Rüstungsexport aus Deutschland, der immer noch und in wieder steigendem Maße die Kriege, die uns näher rücken, nährt. Daran messen wir die Politik, denn Krieg ist zunächst immer ein Versagen der Politik und dann ein Opfer, das auf dem Altar des wirtschaftlichen Profits dargebracht wird. Unser Maßstab ist die Konfliktprävention und die Dialogfähigkeit über Grenzen hinweg, um das Leidens der Zivilgesellschaft zu verhüten und die Bedürfnisse der Menschen zu bedienen.

Noch etwas: In Bayreuth sind gegen die Preisverleihung an Code Pink, eine amerikanische Frauenfriedensorganisation, die gleichen Geschütze aufgefahren worden, aber dort hat sich der Stadtrat – anders als in deiner Heimatstadt Anita – hinter die Frauen gestellt; aber es gibt ja auch in den meisten deutschen Städten und Gemeinden, ja sogar international, Stolpersteine zum Andenken an verfolgte MitbürgerInnen, meistens Juden – aber nicht in München.

Der Gegenwind wird härter. Wir setzen, liebe Anita, das sagen wir dir heute zu, auf unsere Überzeugungskraft, unsere Argumente und unsere Empathie für Recht und Gerechtigkeit. Dazu brauchen wir mehr als jemals die Solidarität vieler Frauen und Friedensbewegter.

Heidi Meinzolt, 10.3.2016