Frieden und Gender oder warum ich Mitglied einer Frauenfriedensgruppe bin

8. Oktober 2008

Über 1000 Frauen aus 12 kriegsführenden und neutralen Staaten reisten Ende April 1915 unter großen Schwierigkeiten nach Den Haag, um ein Ende des Ersten Weltkriegs einzuklagen. Zu ihnen gehörten 28 deutsche Frauen. Die Leitung hatte die amerikanische Sozialreformerin Jane Adams, die 1931 den Friedensnobelpreis erhalten hat. Aus diesem Friedenskongress ging die „Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit“/ IFFF hervor. Wichtigstes Ergebnis des Kongresses war die Forderung an die Regierungen zur dauerhaften Sicherung des Friedens: Schaffung einer internationalen Schiedsbehörde, der die zukünftigen internationalen Streitigkeiten und Konflikte untergeordnet werden sollten (eine Inititialzündung für den Völkerbund, den Vorläufer der UNO).

Die Forderungen von 1915 nach „strikter Anerkennung des Völkerrechts, Abrüstung und Beteiligung der Frauen an politischen Entscheidungen“ haben an Aktualität auch im Jahre 2006 nicht verloren. Die Welt rüstet weiter auf.   Unter den Folgen der gewalttätigen Auseinandersetzungen leidet mehr denn je die Zivilbevölkerung, insbesondere Frauen und Kinder. Politisch haben wir in den vergangenen 90 Jahren die Gleichberechtigung erreicht, in regionalen und nationalen Friedenskreisen arbeiten Männer mit uns Frauen gut zusammen, warum noch das Bedürfnis nach eigenen Frauen-Friedensnetzen?

Mein Motiv ist ganz klar: so lange wir Frauen als größte Minderheit der Welt benachteiligt werden, brauchen wir eine eigene Lobby- und diese Arbeit werden uns die Männer nicht abnehmen! Bei der Vorstellung des UN-Berichts über Frauen, Frieden und Sicherheit stellte Kofi Annan 2002 fest: „Frauen haben in keiner Gesellschaft den gleichen Status wie Männer “ – obwohl in den „westlichen“ Nationen die juristische Gleichstellung erreicht ist, fehlt es an der Umsetzung. Unbestritten ist, dass Frauen an militärischen, wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen weniger beteiligt sind, weltweit einen schlechteren Zugang zu Geld, Bildung und Mobilität haben, oft sexuelle und häusliche Gewalt erfahren und mehr Zeit mit unbezahlter Arbeit im Haushalt und mit  der Pflege von Familienangehörigen verbringen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mädchen unterernährt ist, ist viermal so hoch wie bei einem Jungen. Über diese realen Lebensumstände hinaus wird den Frauen eine andere soziale Rolle (d. i. Gender – Geschlechterverhältnis)  zugeschrieben als Männern.

„Eines meiner wichtigsten Forschungsergebnisse an der Universität vor einigen Jahren über Frauen in Kriegs- oder Konfliktsituationen war, dass alle Arten der Gewalt gegen Frauen mit der Meinung über Frauen und ihrem Status in einer Gesellschaft eng verbunden sind. Das Patriarchat ist nicht nur charakterisiert durch eine hierarchische,  pyramidale  Machtstruktur sondern auch durch die Aggressivität in der Konzeption der Männer- und Frauenrolle.  Das Patriarchat ist nicht nur eine Struktur, die Männer bzw. ein traditionelles Männerbild fördert, es ist auch eine Kriegskultur. Das Muster ist in uns.“ Annelise Ebbe, Vizepräsidentin der  IFFF -Womens International League for Peace and Freeedom, WILPF in International Peace Update, volume 70, No. 2, 2005. Nur wer sich diese Muster bewusst gemacht hat, kann sie hinterfragen. Als ich 1995 mit 220 Frauen aus 40 Ländern in einem Zug von Helsinki nach Peking zur  UN-Frauenkonferenz fuhr, und sich uns unterwegs immer mehr Schicksale unserer Reisegefährtinnen erschlossen, war eine Frau so beeindruckt von unseren Gemeinsamkeiten, dass sie den mir seither unvergessenen Satz sprach: „My nationality is to be a women“.

In Konflikten und Kriegen werden nicht nur in den Medien die alten Stereotype gepäppelt: einerseits die mächtigen, öffentlichen,  „kämpferischen Täter“: Soldaten, Geheimdienstagenten, Generäle, Verteidigungsminister, Präsidenten, Terroristen, andrerseits die privaten Opfer: „friedliche“  Frauen (in einem Atemzug oft mit „und Kindern“ genannt) vergewaltigt, flüchtend, hungernd, arm, entrechtet, verwitwet, ihrer Söhne beraubt.  Die normalerweise den Frauen zugeschriebene „Erhaltung des Lebens“ verliert den Stellenwert: Mörder werden zum Helden, Großstädte werden zur besten Sendezeit zerstört,  Diebstahl von Eigentum ist legitim und die atomare, biologische oder chemische Verseuchung ganzer Landstriche wird als „kleineres Übel“ gesehen. In der Kantine des Pershing-Lagers in Kettershausen sah  ich kurz nach dem Abzug der US-Soldaten folgendes Riesen-Wandbild: eine Weltkugel, von unten bis oben von einer Rakete vollkommen durchbohrt, die dem darauf reitenden Uncle Sam noch  als Penissymbol diente -Operation gelungen, Welt tot.  Die Vergewaltigung von Frauen, die stets die Gegner begehen, dient zur Rechtfertigung des Krieges und zum Aufbau des Feindbildes, während die durch die eigene Armee verursachten sexuellen Gewalttaten  (Vergewaltigung, Zwangsprostitution, Frauenhandel)  meist abgeleugnet werden.

Dass sich Menschen individuell anders verhalten als ihnen ihre soziale Rolle zuschreibt,  wird auch in der Friedensbewegung deutlich, wenn zum Beispiel um Friedlichkeit bemühte Männer, die sich der Gruppe angeschlossen haben, weil sie  auf Grund traumatischer Erfahrungen beim Militär mit der tradierten Kämpferrolle nicht klarkommen, dann auf streitbare Frauen mit Dominanzanspruch stoßen, die ihnen aus „heiligem Zorn“ über ungleiche Machtverhältnisse ihren Feminismus um die Ohren hauen.

Bei Friedensfrauen stehen die immergleichen Inhalte der Friedensbewegung auf der Tagesordnung: Vorbeugende Maßnahmen und Alternativen zum Krieg, Zivile Konfliktbearbeitung, Proteste gegen Krieg, Aufrüstung,  Menschenrechtsverletzungen usw. Diese Themen werden jedoch  daraufhin untersucht, wie sie sich auf die Geschlechter auswirken und ob sie Geschlechtergleichstellung herstellen  (Gender-mainstreaming) und wie die Finanzen auf Männer und Frauen verteilt werden (Gender-budget). So beobachtet das Genfer Büro der WILPF in der UN -Abrüstungskommission und in der Menschenrechtskommission genau, wie oft und in welcher Weise von Frauen die Rede ist, wie oft Frauen das Wort haben und welche Auswirkungen die Vorschläge auf Frauen haben (Monitoring).

Frauenfriedensgruppen stellen den militärischen Sicherheitsbegriff in Frage zugunsten der „Human security“, einer Sicherheit für die Menschen. Dazu gehört ein Leben ohne Angst um den Verlust menschlicher Würde, die Umsetzung der Menschenrechte für Männer u n d Frauen, etwa das Recht auf Arbeit, Bildung, Gesundheit, auf gesellschaftliche und politische Teilhabe, auf Freiheit von Diskriminierung sowie das Recht auf jede Form der Selbstbestimmung und körperlichen Unversehrtheit. Diese Rechte wurden den Frauen teilweise sowohl in der Aktionsplattform der 4. UN-Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 als auch in der vom UN-Sicherheitsrat verabschiedeten Resolution 1325 zugestanden (siehe Artikel zum  „Sicherheitsrat„), aber bei weitem noch nicht umgesetzt.  Wir fordern konkrete Aktionspläne und machen Lobbyarbeit für die UN-Milleniumsziele.

Wir unterstützen Frauenprojekte in Konflikt- und Entwicklungsländern.  Frauen machen sich in vielen Ländern stark für eine Kultur des Friedens in sozialer und ökonomischer Gerechtigkeit (-viele Beispiele auf http://www.peacewomen.org/). Die (Vor-)Herrschaftsstrukturen des Militarismus stehen dem entgegen. Dies muss konsequent analysiert und abgebaut werden. Frauen engagieren sich in der zivilen Konfliktbearbeitung und in kriegsvorbeugender Friedens- und Versöhnungsarbeit sowie in der Behandlung von Schäden, die im Krieg entstanden sind. Die Traumaarbeit mit Frauen und Mädchen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, können nur Frauen leisten,.dazu kommen AIDS-Aufklärung und Behandlung. Wenn Frauen bereit sind, gegen die Täter auszusagen, muss ihnen Zeuginnenschutz gewährt werden. Frauen wollen aktiv in die Konfliktverhütung und Friedensverhandlungen einbezogen werden und sie müssen hierbei vor Ort durch politische Empowerment-Seminare und staatliche Rahmenbedingungen, auch finanziell, unterstützt werden.  Frauen setzen sich auch dafür ein, dass demobilisierte KämpferInnen wieder für ein friedliches  Zusammenleben sensibilisiert werden.

Die weltweite Aufrüstung birgt für Frauen zusätzliche Gefahren. Ca. 80 bis 84 % der Kriegstoten sind ZivilistInnen. Bis zu 90% aller Kriegsopfer werden durch Kleinwaffen in meist männlicher Hand getötet, dazu kommen noch die Verbrechen, Unfälle und Beziehungsdelikte mit tödlichem Ausgang- 80 % der Opfer von Kleinwaffen sind Frauen und Kinder.  Die Erfahrung zeigt, dass nach dem Ende bewaffneter  Konflikte die Gewalt in den Familien durch die kriegstraumatisierten Männer zunimmt. Unsere albanische Sektion zum Beispiel sammelt durch mühsame Überredung in Privathaushalten Gewehre ein.

Als sich vor 20 Jahren durch den Unfall des  Atomreaktors in Tschernobyl dessen radioaktive Strahlung über Europa ergoss, bildeten sich allerorten „Mütter gegen Atomkraft“- Gruppen, weil Mütter in besonderer Weise von der Verseuchung der Lebensmittel betroffen waren. Daher ist es kaum verwunderlich, dass sich Frauen weltweit gegen die zerstörerische Kraft der atomaren und biologischen Waffen einsetzen. (http://www.reachingcriticalwill.org/). In vielen Konfliktgebieten arbeiten vor allem Frauen und Kinder in der Landwirtschaft, damit sind sie in hohem Maß der Gefahr ausgesetzt, von einer Landmine verstümmelt zu werden.

Das Aktionsprogramm der VN-Weltkonferenz gegen Rassismus, rassistische Diskriminierungen und Fremdenfeindlichkeit muss umgesetzt werden. Migrantinnen und/oder  farbige Frauen werden oft doppelt diskriminiert und haben ein hohes Risiko, Gewalt zu erleiden.

Wir wünschen eine öffentlichen Debatte um neue Sicherheitskonzepte unter Beteiligung der Zivilgesellschaft mit dem Ziel der Umsetzung der internationalen Verpflichtungen, der Aktionsplattform von Peking, der Resolution 1325 und den Milleniumszielen. Wir fordern eine entsprechende Re-Definition und Re-Organisation der inneren und äußeren Sicherheits- und Bündnispolitik. Bündnisse müssen friedensschaffende Zielrichtung haben. Wir streiten dafür, dass die hohen Ausgaben für das Militär und die sogenannte Innere Sicherheit zugunsten echter Friedensarbeit umgewandelt werden. Gender Budgeting sollte als Instrument für die Friedenssicherung genutzt werden. Im Zentrum von Gender Budget Analysen muss die Überprüfung der Militärausgaben, die Folgeabschätzung auf die Geschlechtergerechtigkeit und die menschliche Sicherheit stehen. Wir brauchen geschlechtersensible Konfliktanalysen und Aktionspläne.

Um es noch einmal mit Annelise Ebbe (s.o.) zusammenzufassen: „Eine unserer Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten als Frauen und/ oder FeministInnen* für die Kultur des Friedens ist es, über diese Dinge zu sprechen, die Herausforderung zu ergreifen, sich des Rollenmusters bewusst zu sein und dagegen zu arbeiten und dies auch anderen Frauen, Mädchen, Männern und nicht zuletzt Jungen zu lehren damit wir zusammen eine bessere Welt aufbauen können -ohne die patriarchale Kriegskultur“.
* zur Erklärung: auch Männer können Feministen sein

Irmgard Heilberger, veröffentlicht in der Zeitschrift Friedensforum 1/06