Krieg ist ansteckend – Globale und lokale Risiken

13. September 2009

Referat von Irmgard Heilberger (Vorsitzende der IFFF) im Rahmen des Workshops „Krieg ist ansteckend – Globale und lokale Risiken“ auf dem 1. Politischen Kirchentag Plön am 10.09.2009

Kriege sind  – im Gegensatz zur Seminarankündigung – nicht ansteckend, Kriege werden von Menschen gemacht und können daher auch von Menschen verhindert bzw. beendet werden.

Die Gründerinnen der Internationalen Frauenliga, ca. 1000 Frauen, die es 1915 trotz aller Repressalien ihrer Regierungen bis Den Haag geschafft hatten, drückten das so aus:
„Wir erklären… alles Mögliche zu tun, um gegenseitiges Verständnis und guten Willen zwischen den Nationen herzustellen und für die Wiederversöhnung der Völker zu wirken. Wir erklären: der Lehrsatz, Kriege seien nicht zu vermeiden, ist sowohl eine Verneinung der Souveränität des Verstandes als ein Verrat der tiefsten Triebe des menschlichen Herzens.“

Das ist jetzt 94 Jahre her, da es den Frauen mit ihrem Engagement damals nicht gelang, alle weiteren Kriege zu verhindern, erscheint es nur logisch, dass die IFFF-WILPF weiterhin existieren muss. Die „tiefsten Triebe des menschlichen Herzens“ können wir, Nachgeborene des 2. Weltkriegs, nicht einseitig positiv sehen, wir erkennen die in uns angelegte Ambivalenz. Charles Rojzman, ein französischer Soziologe und Psychologe, der  die Sozialtherapie des Rassismus entwickelt hat, stellte Doppelpaare aus unseren Bedürfnissen und Ängsten zusammen, die u. a. auch den Fremdenhass speisen.
Bedürfnis nach Wissen und Bezugspunkten – die Angst vor dem Unbekannten,
das Bedürfnis nach Liebe und Zuwendung – die Angst vor Ablehnung
das Bedürfnis nach Anerkennung – die Angst davor, bewertet zu werten
das Bedürfnis nach Sicherheit – die Angst angegriffen, vernichtet zu werden.
 (Ch. Rojzman: „Der Haß, die Angst und die Demokratie“ München 1997)

Das zuletzt angeführten Bedürfnis, das Bedürfnis nach Sicherheit und die Angst, angegriffen bzw. vernichtet zu werden, scheint mir für die Probleme der Globalisierung hauptverantwortlich zu sein, z. B. unser Wunsch nach materieller Sicherung, nach Rohstoffen, mit dem wir u. a. die Out-Of-Area -Einsätze der NATO begründen. Diese soll den Schutz in den Staaten des Nordens bzw. Westens gewährleisten,  die je nach Blickpunkt mit  „kapitalistisch“, „christlich“  und „demokratisch“ charakterisiert werden.

In dem neuen NATO-Strategie-Papier, das vier Ex-generäle der NATO entwickelt haben, z. B. General Naumann,  werden folgende globale Zukunftsbedrohungen gesehen: (Towards a Grand Strategy for an Uncertain World, Noaber Foundation, 2007)
Mind MAP)
Die Weiterverbreitung nuklearer, biologischer und chemischer Waffen, der Kampf um knapper werdende Ressourcen, nichtstaatliche Akteure (z. B. ETA, Hisbollah) sowie die Ausnützung des Finanzmarktes zur Destabilisierung der Nationen. Am Schluss des Kapitels meinen die Autoren, es könne Kriege geben, in denen kein einziger Schuss fällt.

Wie soll dann aber, bitte schön, die hochgerüstete NATO uns ausgerechnet davor schützen? Bei der zweiten Mindmap habe ich mir so meine Gedanken gemacht, ob die Nordatlantik-Staaten durch ihre aufs Militärische setzenden Strategien nicht selbst eine Bedrohung darstellen.

Die abscheulichste Folge der Aufrüstung ist das „IN-Kauf-Nehmen“ von Krieg als sogenanntem letzten Mittel, ein Krieg, der uns dann auch noch als „Quasi Zivile Entwicklungshilfe“ verkauft wird, so dass sich Nichtregierungsorganisationen schon beklagen, dass diese Vermischung des Zivilen und Militärischen ihre HelferInnen gefährdet. Frau könnte irre werden beim Nachdenken: Die NATO rüstet vorbeugend auf, erschreckt andere, die dann auch aufrüsten. Die NATO schließt die arabische und afrikanische Welt weitgehend aus und provoziert damit Terrorismus und Piraterie, die sie dann wieder bekämpfen darf. Die NATO führt Krieg weit weg, im Mittelmeer, im Kosovo, im Irak, in Afghanistan zur Sicherung unserer Vorherrschaft und uns nicht gehörender Rohstoffe, die wir dann verschwenden und damit die  Umwelt und das Klima gefährden.

Die materiellen Zerstörungen und die körperlichen Verletzungen, die im Krieg entstehen, tauchen in den Bilanzen meist noch auf, die seelischen Folgen der Kriege werden selten einberechnet.  Die Traumata des Krieges beeinflussen nicht nur die betroffenen Individuen, sondern werden – meist unbewusst – an die nächsten Generationen weitergegeben. Wir erleben gerade in Deutschland, dass 60 Jahre nach dem 2. Weltkrieg vielen KriegsteilnehmerInnen immer neue Erlebnisse aus dem Unterbewussten auftauchten. Bosiljka Schedlich, eine der 1000 Friedensfrauen, die in Berlin ein Netzwerk für Traumaarbeit für jugoslawische Flüchtlinge aufgebaut hat, erzählte mir kürzlich auf einem Seminar zur Versöhnung, sie habe in der Humboldt -Universität in Berlin ihre Arbeit für eine breite Öffentlichkeit vorstellen können. Eine ältere Deutsche stand auf und äußerte ihr Unverständnis, dass diesen Jugoslawinnen soviel Hilfe zuteil würde, während sie damals die Zeiten im Luftschutzbunker und als Trümmerfrauen ohne Probleme überstanden hätten. Einige im Publikum buhten die Frau aus, während Bosiljka sagte:“ Das tut mir leid für Sie, dass Sie keine Hilfe bekamen, ich bewundere die Kraft, mit der Sie das alles überstanden haben.“ „Ja,“ antwortete die Frau, „ich träume nur jede Nacht davon.“

Europäische, US-amerikanische und japanische Frauen stellten sich auf einem Workshop anlässlich der NATO-Feierlichkeiten im April in Strassburg die Frage, wie das patriarchale Denken, das Blockdenken als Grundlage der Militarisierung und der NATO den Alltag von Frauen beeinflusst.
Nelly Martin vom Marche Mondiale Frankreich gab an:
„Militärische Institutionen tragen in vielfältiger Weise dazu bei, junge Männer auf ihre dominante Rolle in den Beziehungen der Geschlechter zu trainieren. Wir können die Armee in allen Gesellschaften als eine der wichtigsten patriarchalen Organisationen betrachten, die die ungleichen sozialen Geschlechterbeziehungen widerspiegelt, nämlich eine Hierarchie der Macht, Kultstatus und Oberherrschaft des „Chefs“, Gehorsam, körperliche Gewalt, ein Fehlen von kritischem Geist, ein geschlossener Kreis der „boys“. Dieses Modell von Männlichkeit, assoziiert mit Stärke und Agressivität, beeinflusst Jugendliche zunehmend.“  Des weiteren wurde die „häusliche Dimension“, die innerstaatlichen Folgen dieser Denkart im Krieg gegen den Terror aufgezeigt: die Überwachung eigener und benachbarter BürgerInnen unter rassistischen Auswahlkriterien, oder, wie die italienischen Frauen berichten,  die Einkesselung von Demonstrantinnen durch Soldaten. Frauen aus ganz Europa beklagten die Auswirkungen der militärischen Ausgaben und der Militärbasen in ihren Ländern, vor allem die ärmeren Länder des Ostens müssen mit gewaltigen Rüstungsausgaben ihren Eintritt in die Europäische Union und in die NATO bezahlen. Die Folgen sind Einschnitte bei den Sozialausgaben.

Vergewaltigung, Menschenhandel und Zwangsprostitution wurde einhellig als schlimmste Folge nahegelegener Militärbasen gesehen. Sian Jones, eine Frau in Schwarz aus London, führte eine Untersuchung an, wonach NATO-Soldaten im Balkan allein zwischen dem 24. März und dem 10. Juni 1999 40 Millionen Dollar pro Monat für die Prostitution ausgegeben hätten. Frauen und Mädchen, auch minderjährige,  aus Bulgarien, der Ukraine, Russland, Rumänien und Moldawien wurden oft unter falschem Vorwand dorthin gelockt, eingesperrt und unter unmenschlichen Bedingungen sexuell ausgebeutet. Die NATO hat zwar in Istanbul 2004 eine Politik gegen Menschenhandel beschlossen, diese aber nicht umgesetzt. Nur wenige NATO-Staaten erhoben Disziplinverfahren gegen Soldaten, die im Menschenhandel tätig waren, eine Verurteilung ist  Sian Jones nicht bekannt.

Besonders empörte uns, dass uns Kriege verkauft werden als Mittel, um Frauen zu schützen: 26 NATO-Staaten und -Partner bomben angeblich für Frauenrechte und gegen Burkas in Afghanistan, mit welchem Ergebnis? WILPF-Präsidentin Annelise Ebbe zitiert den Bericht der WomanKindWorldwide Organisation: Im Februar 2008 beklagen 87 % der befragten Frauen häusliche  Gewalt, die Hälfte davon sexueller Art, 60 % der Ehen sind Zwangsehen, trotz eines neuen gesetzlichen Verbots sind 57%  der Bräute jünger als 16, 88% der Frauen sind Analphabetinnen, nur 5 % der Mädchen besuchen eine weiterführende Schule und die Sterblichkeitsrate der Mütter bei der Geburt ist neben Sierra Leone die höchste der Welt; (1 von 9 Müttern stirbt beim Gebären).

Wie gesagt, Kriege werden von Menschen gemacht und können auch von diesen verhindert werden. In einer globalisierten Welt mit komplexen Problemen gibt es keine einfachen Lösungen, mit Aufrüstung und Militär können Folgen des Klimawandels nicht auf Dauer verhindert werden, dennoch geben wir mehr Geld aus dafür als für Entwicklungshilfe und zivilen Friedensdienst. Dirk Messmer, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat Globale Klimaveränderung, gab auf dem Seminar „Klima Macht Flucht“ im Jan. in München an, dass die Anzahl der Klimaflüchtlinge auf 250 Millionen Menschen anwachsen könnte. Die Finanzkrise wird die Bereitschaft der Industriestaaten nicht erhöhen, die vereinbarten 0,7 % des Bruttoinland-Produkts für Entwicklungshilfe auszugeben, ein Ziel, das bisher nur Schweden erfüllt, Deutschland erfüllt gerade mal die Hälfte.

„Man kann nicht gleichzeitig einen Krieg verhindern und vorbereiten“, sagte Albert Einstein.

Wir müssen weltweit abrüsten und den vorbeugenden, zivilen Konfliktlösungen den Vorrang geben. Wir müssen uns für den gleichberechtigten Zugang aller zu den vorhanden Ressourcen einsetzen. Besonders lebenswichtig ist dies z. B. beim Wasser, der auf unserem Kongress im Sommer 2004 thematisiert wurde. Roula Zoubiane, Professorin aus dem Libanon wörtlich: „Um nur eine einfache Idee zu bekommen, wie ernst die Wasserprobleme im Nahen Osten sind, muss ich nur erwähnen, dass die arabische Welt im Nahen Osten ungefähr 10 % der Weltoberfläche, 5 % der Gesamtbevölkerung , aber nur 1 % erneuerbarer frischer Wasserressourcen besitzen.“ Dazu zeigte die Präsidentin unserer israelischen Sektion Aliah Strauss ein Plakat, das den großen Swimmingpool einer isrealischen Siedlung in der einen Ecke und in der anderen Ecke eine palästinensiche Frau zeigte, die versuchte, an einem Rinnsal einen Krug aufzufüllen und erzählte uns von einem geheimen Plan, das gesamte Frischwasser Palästinas nach Israel zu leiten, während die palästinensischen Gebiete abhängig sein sollten von einer Pipeline, die entsalztes Meerwasser nach Palästina bringen sollte.  Wir haben auch die Hoffnung auf eine Reformierung der UN als eine Institution der Völkerverständigung und des internationalen Rechts noch nicht aufgegeben.

Von A wie Aktionen bis Z wie Zukunftswerkstatt habe ich Ihnen ein ABC der Friedensarbeit mitgebracht, das ich einmal erstellt habe. Einen Trost aus meiner Erfahrung in einer Internationalen Frauenfriedensorganisation habe ich: Die tägliche Friedensarbeit, das Zeitungs- und Emaillesen, das Reisen auf diverse Kongresse, hält fit, unsere alten Damen sind sehr rüstig und arbeiten auch mit 90 noch gegen Rüstung.

Die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF, Women’s International League for Peace and Freedom, WILPF) ist die älteste internationale Frauen-Friedens-Organisation der Welt, die 1915 zum Widerstand gegen den in Europa herrschenden Krieg gegründet wurde. Seither setzt sich die WILPF gegen alle Formen von Krieg und Gewalt ein und kämpft für eine wirtschaftliche, politische und soziale Gleichberechtigung aller Menschen. Die WILPF ist in über 40 Ländern vertreten und besitzt Beraterstatus bei verschiedenen Gremien der Vereinten Nationen.

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