Lida Gustava Heymann (15. März 1868 – 31. Juli 1943)

22. Juni 2005

Lida Gustava Heymann

Lida Gustava Heymann stand während des Ersten Weltkrieges mit Anita Augspurg an der Spitze der deutschen Frauenfriedensbewegung. Sie war bereits seit 1896 – nach dem Tod ihres Vaters – politisch und sozial aktiv.

Lida wuchs in einer reichen Kaufmannsfamilie in Hamburg auf. Sie und ihre vier Schwestern durften selten das Haus verlassen und wurden privat unterrichtet. Den Lehrplan für die Privatlehrer entwarf der Vater. Lida galt als „schwieriges“ Kind, das gegen die Einschränkungen ihrer kindlichen Freiheit früh opponierte. Der ständigen Gängelei des Elternhauses entkam sie mit sechzehn, als sie für eineinhalb Jahre in einem internationalen Pensionat in Dresden untergebracht war: Hier traf sie mit Mädchen aus England, Amerika, Kanada und Australien zusammen. Und hier erlebte sie Theater, Oper und Galerien. Sie begann zu malen und lesen und begeisterte sich für ihre Selbstständigkeit.

Wieder zu Hause weigerte sie sich, wie ihre Schwestern auf Gesellschaften und Bälle zu gehen: „Eine solche Gesellschaft ist ja ekelhaft, der reine Heiratsmarkt … Zu einem solchen Blödsinn gebe ich meine Zeit nicht her.“ Sie unterrichtete Kinder in einer Armenschule, sang mit den Kindern, spielte Klavier und las ihnen vor, um Musik und Literatur in deren Leben zu bringen. Sie beriet die Mütter der Kinder und unterstützte die Mädchen und Mütter.

Der Vater brachte ihr kaufmännisches Wissen bei und machte Lida zu seiner Geschäftspartnerin. Gemeinsam verwalteten sie Immobilien und Papiere im Wert von 6 Millionen Reichsmark. Als ihr Vater 1896 starb, vermachte er ihr eine großzügige Leibrente und verfügte in seinem Testament außerdem, dass sie zusammen mit zwei Partnern als Nachlassverwalterin einzusetzen sei. Das Hamburger Nachlassgericht aber wollte das Testament nicht anerkennen: Denn eine Frau als Nachlassverwalterin war rechtlich nicht vorgesehen! Lida Gustava Heymann aber erkämpfte sich ihr Recht mit dem Nachweis, dass im 13. Jahrhundert (!) schon einmal eine Frau in Hamburg eine solche Aufgabe übernommen hatte. Sie bekam recht und erlangte damit ihre finanzielle Unabhängigkeit, die Voraussetzung für ihr freies Leben. Heymann scheint ihr Amt mit Brillanz ausgefüllt zu haben. Nicht nur in ihrer Firma besetzte sie nun verschiedene Posten mit Frauen.

In der Hamburger Paulstraße, der heutigen Europapassage, kaufte sie ein Haus und richtete es für soziale Projekte ein, die sie ebenfalls finanzierte: einen Mittagstisch für Arbeiterinnen und deren Kinder, einen Hort, Bademöglichkeit, eine Bibliothek, ein Nähzimmer; aus der ebenfalls hier tätigen Beratungsstelle mit Büros verschiedener Frauenvereine entwickelte sich das erste Frauenberatungs- und Bildungszentrum Deutschlands. Durch ihr Engagement bekam Lida eine Vorstellung von Unterdrückung und Ausbeutung vieler Mädchen und Frauen. Sie trat vehement für die sexuelle Aufklärung und gegen die staatliche Reglementierung der Prostitution ein. In ihrem Zentrum veranstaltete sie Lesungen, Konzerte und Vorträge.

Heymann gehörte seit 1896 dem Allgemeinen Deutschen Frauenverein an, der sich vor allem für bessere Bildung von Mädchen und Frauen einsetzte. 1899 eröffnete Heymann in der Paulstraße eine private Handelsschule und 1901 ein Reformgymnasium für Mädchen und Jungen – und propagierte daneben eine Kleiderreform gegen Krinoline und Korsett.

Mit Anita Augspurg, die sie 1896 auf einem Frauenkongress in Berlin kennengelernt hatte, arbeitete sie seit der Jahrhundertwende in verschiedenen radikalen Frauenbewegungen zusammen. Im Hamburger Frauenzentrum waren Heymann und Augspurg 1902 Mitgründerinnen der ersten deutschen Frauenstimmrechtsbewegung.

Wegen ihrer Überzeugung, dass Veränderungen nur durch wirtschaftliche und politische Umgestaltungen zu erreichen sind, überließ sie ihre sozialen Arbeiten ihren Mitarbeiterinnen und studierte Sozialwissenschaften an den Universitäten in Berlin und München. Privat zog sie 1907 mit ihrer Lebenspartnerin Anita Augspurg in ein Haus im Isartal bei München.

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, arbeiteten beide an führender Stelle mit bei der Vorbereitung und Durchführung der ersten Internationalen  FrauenFriedensKonferenz 1915 in Den Haag und setzten danach die politische Friedensarbeit im neu gegründeten Internationalen Frauenausschuss für dauernden Frieden fort. Lida G. Heymann wurde deshalb 1917 wegen „pazifistischer Umtriebe“ aus Bayern ausgewiesen, konnte aber bis zum Kriegsende in München untertauchen. Nach dem Kriegsende organisierten Heymann und Augspurg mit anderen Pazifistinnen auch die zweite internationale Frauen-Friedenskonferenz in Zürich, auf der die Frauenausschüsse in Internationale Liga für Frieden und Freiheit umbenannt wurden.

Im Januar 1919 begründete sie zusammen mit Anita Augspurg die pazifistisch-feministische Zeitschrift DIE FRAU IM STAAT, in der sie für Völkerverständigung und den Frieden warben und gegen den „geistlosen und militärisch-technisierten Männerstaat“ schrieben.

Lida G. Heymann war bei der Gründung der WILPF eine herausragende Persönlichkeit. Auf dem Kongress in Zürich wurde sie zur Vizepräsidentin gewählt (1919-1924) und von 1924 bis zu ihrem Tod 1943 blieb sie Ehren-Vizepräsidentin.

Beide Frauen engagierten sich nicht nur für die Politik, sondern vernachlässigten auch ihre privaten Lebensbereiche nicht. Sie interessierten sich für Kunst und Literatur, unternahmen Berg- und Reittouren, bewirtschafteten jahrelang in den Sommermonaten ihren Bauernhof in Oberbayern; die Winter gehörten mehr der politischen Arbeit und dem Leben in der Stadt. Beide waren sehr reisefreudig und erwarben 1928 im Alter von 71 bzw. 60 Jahren den Führerschein.

Von ihrer Winterreise durch einige Mittelmeerländer vom 22. Januar bis April 1933 konnten Augspurg und Heymann nicht mehr in ihre Münchner Wohnung zurückkehren. Ihre Namen standen seit 1923 bei den Nationalsozialisten auf der Liste der zu liquidierenden Personen. Von ihrem Besitz blieben ihnen nur der Inhalt von vier Reisetaschen; aller anderer Besitz verfiel der Konfiszierung durch die Nationalsozialisten: Hausrat, Mobiliar und Grundbesitz, Leibrente, Hypotheken und Bankdepots, Bibliothek und Kunstwerke. Der schmerzlichste Verlust, schreibt Heymann in ihren Memoiren, war der Verlust des gesamten Materials der Frauenbewegung und der umfangreichen Bibliothek mit Goetheausgaben von 1832 und 1932.

Obwohl sie im Züricher Exil den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges erlebte, strahlen ihre in Zusammenarbeit mit Augspurg 1941 geschriebenen Memoiren Erlebtes – Erschautes1 Optimismus aus. Beide hofften, dass vor allem Frauen eines Tages die humane Gesellschaft schaffen würden. Beide Frauen aber litten an ihrem Lebensende auch sehr unter ihrer erzwungenen Untätigkeit: „Sinn und Ziel unseres Lebens war: für Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit in voller Öffentlichkeit zu wirken. Die Basis war verloren! Häufig überkam uns die Empfindung, als hätten wir uns selbst überlebt, als wären wir lebend gestorben. … Dieser Zustand wirkte sich von Jahr zu Jahr trostloser aus. Arbeits- und Betätigungsmöglichkeiten wurden geringer; 1939 und 1940 fast aussichtslos. Das vegetierende Dämmerdasein und das Erleben des Niedergangs aller Menschenwürde waren das Härteste unserer Verbannung; es steigerte sich zur Unerträglichkeit.“2

Lida Gustava Heymann starb im Juli 1943, fünf Monate vor der zehn Jahre älteren Anita Augspurg, im Exil in Zürich – nach einer „durch nichts jemals getrübten 40 jährigen beglückenden Freundschaft“ (Heymann).

 

In mehreren Städten, wie in Hamburg und München, sind Straßen nach dieser bedeutenden Frauenrechtlerin benannt. 1993 wurde am 50. Todestag von Anita Augspurg eine Gedenktafel für die beiden radikalen Pazifistinnen in Zürich enthüllt. Im Juli 2009 wurde Lida G. Heymann auch mit einer Gedenktafel in Hamburg (Europapassage) geehrt.

 

Fussnote 1: Durch die Neuausgabe der Heymann-Memoiren durch Margrit Twellmann 1992 sind Heymann und Augspurg mehr als andere Pazifistinnen neu ins Bewußtsein gerückt: Margit Twellmann (Hrsg.), Erlebtes – Erschautes: Deutsche Frauen kämpfen für Freiheit, Recht und Frieden, 1850 ­ 1940. Lida Gustava Heymann und Anita Augspurg. Helmer Verlag, Frankfurt/M. 1992.

Fussnote 2: Heymann: Erlebtes – Erschautes, S. 317.