Nachruf Helga Herz

15. Juli 2010

Helga Herz starb am 27. Februar 2010 in Silver Springs, Md, in USA. Sie war eine bedeutende WILPF-Frau, die seit 1942 in den USA lebte, der deutschen Sektion aber besonders verbunden blieb.

Helga Herz wurde am 9. August 1912 im mecklenburgischen Güstrow in eine jüdische Familie geboren, die aber keiner kirchlichen oder religiösen Gemeinde angehörte. 1920 zog die Familie nach Berlin-Mahlsdorf, in ein Haus mit parkartigem Garten. Helgas Cousine Eva Seligmann1, zu der Helga seit frühester Kindheit eine besonders enge freundschaftliche Beziehung pflegte, beschreibt die gemeinsamen Kindheits- und Jugendjahre als glückliche Zeit. Sie besuchten gemeinsam das Gymnasium, machten viel Musik und und verbrachten viel Zeit im Turnverein. Die Eltern und Kinder waren Anhänger der Reformbewegung in Bezug auf Gesundheit, Kleidung, Erziehung und die gesamte Lebensweise. Für die Frauen spielten Frauenfragen und das Frauenstimmrecht von Anfang an eine wichtige Rolle. Als Helgas Vater, Dr. Paul Herz, und ihr damals 13jähriger Bruder Konrad innerhalb von drei Monaten um die Jahreswende 1928/29 starben, endete für Helga die glückliche Zeit. „Auf einmal war unsere engere Familie auf zwei Menschen, meine Mutter und mich geschmolzen, und von der Zeit an teilten wir unser Leben durch dick und dünn bis zu meiner Mutter Tod.“ Diese Schicksalsschläge banden die beiden Frauen eng zusammen und ließen sie die kommenden Jahre der Flucht und des Widerstandes gemeinsam überstehen. Nach dem Tod von Mann und Sohn beschäftigte sich Alice Herz [geb.Strauss] noch mehr mit der politischen Entwicklung in Deutschland. Sie erkannte sehr früh die Kriegstreiberei und den Rassenhass der Nationalsozialisten. Deshalb wurde für Mutter und Tochter die Arbeit in der Friedens­bewegung und in der Liga für Menschenrechte ein Teil ihres täglichen Lebens.

1931 verbrachten beide mehr als ein halbes Jahr in Südfrankreich, Helga als Au-Pair-Mädchen in Pau, Alice studierte an der Universität in Grenoble. Als sie 1932 nach Berlin zurückkehrten, konnte Helga zwar ein Jurastudium beginnen, die politischen Spannungen empfanden sie aber bereits als existentielle Bedrohung. Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Januar 1933 und dem Reichstagsbrand im Februar wurde die Lage für Helga und ihre Mutter immer schwieriger. Im März flüchteten sie mit Rucksack und Fahrrad über die Schweiz wieder nach Grenoble. Da es sich für Helga Herz als sehr schwierig erwies, ihr Jurastudium zu vollenden, begann sie an der Sorbonne / Paris mit Studien, die 1937 zum Erwerb der Licence-des-Lettres führten. Damit konnte sie in Frankreich unterrichten und sich gemeinsam mit ihrer Mutter, die verschiedenste kleine Beschäftigungen aufnahm, bis 1939 durchschlagen. Bis 1935 hatten sie für die Vermietung ihres Hauses in Mahlsdorf noch etwas Geld bekommen; 1938 war es dann durch die NS beschlagnahmt und zwangsversteigert worden.

Nach dem Überfall der deutschen Truppen auf Frankreich 1940 wurden Helga und Alice Herz im Mai als gebürtige Deutsche aus Grenoble in das berüchtigte Lager Gurs in der Nähe der Pyrenäen deportiert. Nach der Niederlage Frankreichs kamen sie im Juni frei und versuchten nun, in die USA zu gelangen. Im März 1942 konnten sie mit Hilfe von Freunden, Verwandten und des American Friends Service Committee, den Quäkern, über Kuba im August 1942 die USA erreichen, ein Aufenthaltsvisum und Arbeitsmöglichkeiten bekommen.

Und wieder fängt Helga Herz eine neue Ausbildung an; ein Vetter ihres Vaters vermittelte ihr eine Stelle als Sekretärin in der Stadtbibliothek von Detroit. 1944 machte sie an der University of Michigan das Bibliothekarexamen und arbeitete dann von 1945-1978 als Bibliothekarin in Detroit, hauptsächlich in der sozialwissenschaftlichen Abteilung, zum Schluss als Leiterin einer Spezialabteilung.

Alice Herz übernahm in Detroit zunächst Gelegenheitsarbeiten, widmete sich aber bald voll und ganz dem Studium der politischen und sozialen Entwicklungen ihres neuen Umfeldes. Sie schrieb Artikel für die Zeitschrift „Neue Wege“, die in der Schweiz erschien und fand gemeinsam mit ihrer Tochter Gleichgesinnte unter den Mitgliedern der WILPF, der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit, und anderer Gruppen, die sich den Weltfrieden zur Aufgabe gemacht hatten. Beide traten auch der pazifistischen Unitarian Universalist Church (Quäker) bei.

1958 war Helga Herz zum ersten Mal wieder nach Europa gereist, um Kontakte zu Verwandten und Freunden in Frankreich, der Schweiz und Deutschland zu erneuern, vor allem auch, um ihre Cousine Eva zu besuchen, die aus dem Exil in England zuerst nach Frankfurt/ Main, später nach Bremen zurückgekehrt war.

Als Anfang 1965 die Proteste der Kriegsgegner an den schwersten Bombardierungen Nord-Vietnams von Seiten der USA keinen Einfluss mehr zu haben schienen, entschloss sich Alice Herz im Alter von 82 Jahren dazu, ein Zeichen zu setzen: sie steckte sich am 16. März an einem öffentlichen Platz in Detroit in Brand. Nach zehn qualvollen Tagen erlag sie ihren Wunden.

Nach ihrer Pensionierung 1978 engagierte sich Helga Herz bis ins hohe Alter im Center for Peace and Conflict Studies in Detroit und in mehreren Friedensorganisationen, mit Schwerpunkt für die WILPF; außerdem fand sie in der Unitarian Universalist Church wertvolle Bestrebungen, die sie unterstützen wollte.

Nach der „Wende“ kämpfte sie erfolgreich um die Rückgabe ihres „arisierten“ Elternhauses in Mahlsdorf und anderen Vermögens, was sie zum Teil der deutschen Sektion der IFFF vermachte. Dafür war sie noch einmal im Jahre 2000 in Deutschland; die fast 90 Jährige nahm am Internationalen Treffens der WILPF in Helenenau bei Berlin teil, das die deutsche Sektion organisiert hatte, so dass viele der heutigen IFFF-Frauen sie persönlich kennenlernen konnten. Sie beeindruckte durch ihre lebendige Neugier auf mögliche Alternativen zu Gewalt und Krieg und ihr liebenswürdiges, sanftes Auftreten, mit dem sie ihre pazifistischen Lebenseinstellungen beispielhaft wiedergab.

Mit Dankbarkeit und großer Anerkennung erinnern wir an diese Frau, die ihr Leben in großer Leidenschaft dem Frieden und der sozialen Gerechtigkeit widmete. Wir wollen ihre Bedeutung in der Geschichte der IFFF würdigen.