Frieden kann mensch nicht „kriegen"

Neulich ein Bericht in meiner Lokalzeitung: Ein achtjähriger Junge, angeregt von Pippi Langstrumpf, warf eine Flasche mit Brief und einem Euro Kleingeld in die Donau, um armen Kindern in Afrika zu helfen. Ein paddelndes Paar fand die Flasche kurz darauf und übergab sie der eigenen Tochter, die sich zufällig bei einer Hilfsorganisation engagiert, welche den unbürokratischen Transfer des Geldes nach Südafrika organisierte, wo sich eine Sechsjährige zwei Monate später medienwirksam Brot davon kaufen konnte.

Zunächst lächelte ich über die unprofessionellen Zufälle, die die Flaschenpost aus der Donau nach Afrika gebracht hatten, aber die Geschichte ließ mich nicht los, ich entdeckte Parallelen zu unserem Engagement in der Frauenfriedensbewegung.

1. Wir leiden unter der ungerechten Weltordnung und fordern die Sicherung der menschlichen Grundbedürfnisse, das tägliche „Brot". Wir setzen uns besonders ein für die Beendigung der weltweiten Ungleichbehandlung von Frauen. Wie Kofi Annan 2002 feststellte: „Frauen haben in keiner Gesellschaft den gleichen Status wie Männer " - obwohl in den „westlichen" Nationen die juristische Gleichstellung erreicht ist, fehlt es an der Umsetzung. Unbestritten ist, dass Frauen an militärischen, wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen weniger beteiligt sind, weltweit einen schlechteren Zugang zu Geld, Bildung und Mobilität haben, oft sexuelle und häusliche Gewalt erfahren und mehr Zeit mit unbezahlter Arbeit im Haushalt und mit der Pflege von Familienangehörigen verbringen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mädchen unterernährt ist, ist viermal so hoch wie bei einem Jungen.

2. Wir glauben an eine von manchen belächelte Idee. Wir sind überzeugt, dass eine Welt ohne Kriege möglich wäre. Wir lernen aus der Geschichte und den Erfahrungen des Alltags, dass aus Gewalt wieder Gewalt entsteht. In den Bilanzen tauchen die Traumata der Kriege nicht auf, obwohl sie Generationen mit ihren unbewussten Botschaften vergiften: der Verlust der Familienangehörigen, der Heimat und sozialen Umgebung, die Folgen des Erlebens physischer und bei Frauen oft auch sexueller Gewalt, die erst im Jahre 2008 durch die UN-Resolution 1820 international geächtet wurde.

Wir glauben zwar nicht, dass die Donau irgendwann nach Afrika führt, sind aber überrascht, dass es für rationaler gehalten wird, unseren Wohlstand u. a. mit einer Rüstungsüberproduktion zu sichern, diese Waffen dann rund um den Globus an Diktatoren und Völker zu verteilen, die diese Waffen - siehe da! -auch für eigene Machtansprüche nutzen. Auf die daraus entstehende Bedrohungslage müssen die westlichen Nationen, d. i. vor allem die NATO, als - selbstverständlich allerletzte Ratio- junge Menschen mit Hightechwaffen in den Krieg schicken, weit weg, auf dem Mittelmeer, im Kosovo, im Irak, in Afghanistan zur Sicherung unserer Vorherrschaft und uns nicht gehörender Rohstoffe, die wir dann verschwenden und damit die Umwelt und das Klima gefährden. Um unserer Sicherheit willen gefährden wir den Globus mit der Erstschlagsdrohung und Vorhaltung ewig strahlender Atomwaffen. Zur Verteidigung unserer westlichen Demokratien leisten wir uns patriarchale, hierarchisch aufgebaute Armeen.

26 NATO-Staaten und -Partner bomben angeblich für Frauenrechte und gegen Burkas in Afghanistan, mit welchem Ergebnis? Aus dem Bericht der WomanKindWorldwide Organisation: Im Februar 2008 beklagen 87 % der befragten Frauen häusliche Gewalt, die Hälfte davon sexueller Art, 60 % der Ehen sind Zwangsehen, trotz eines neuen gesetzlichen Verbots sind 57% der Bräute jünger als 16, 88% der Frauen sind Analphabetinnen, nur 5 % der Mädchen besuchen eine weiterführende Schule und die Sterblichkeitsrate der Mütter bei der Geburt ist neben Sierra Leone die höchste der Welt; (1 von 9 Müttern stirbt beim Gebären).

Die weltweite Aufrüstung birgt für Frauen zusätzliche Gefahren. Bis zu 90% aller Kriegsopfer werden durch Kleinwaffen in meist männlicher Hand getötet, dazu kommen noch die Verbrechen, Unfälle und Beziehungsdelikte mit tödlichem Ausgang- 80 % der Opfer von Kleinwaffen sind Frauen und Kinder. Die Erfahrung zeigt, dass nach dem Ende bewaffneter Konflikte die Gewalt in den Familien durch die kriegstraumatisierten Männer, die im Besitz von Waffen sind, zunimmt.

3. Wie der achtjährige Zweitklässler ergreifen wir Initiative, sind aber auch auf Menschen angewiesen, die unsere Ideen unterstützen, weiterleiten und unter anderem auch in die Medien transportieren. Er wollte eigentlich zehn Euro in seine Flasche geben, was seine vorsichtige Mutter verhinderte. Wir sind daran gewöhnt, dass Mitmenschen den Sinn unserer Arbeit bezweifeln und Medien uns als naive Gutmenschen der Dummheit bezichtigen, schwieriger ist es, mit den inneren Zweifeln fertig zu werden. Ähnlich dem über persönliche Beziehungen nach Südafrika geschafften Euro sehen wir die ökologische Bilanz unserer Treffen und Bündnisse und der von uns produzierten Papierberge durchaus selbstkritisch. Doch auch im 21. Jahrhundert ist nicht alles vom Schreibtisch aus zu steuern, aus den internationalen Treffen und den Informationen, die uns Frauen aus Konfliktregionen aus erster Hand geben, entsteht eine ermutigende Kraft, die uns immer wieder aufs Neue anspornt, weiter zu machen.

Auch wir arbeiten weitgehend unprofessionell, d. h. ehrenamtlich und können selten im Voraus wissen, welche unserer Aktionen zu einem positiven Ende führt oder es in die Medien schafft, ergo können wir nicht aufhören, unsere Flaschenpost zu verschicken. So werden wir also weiter politische Informationen verbreiten, über Abrüstung, Konfliktvorbeugung und Alternativen zum Krieg diskutieren, unsere WILPF-Büros in Genf und New York werden Lobbyarbeit bei den Vereinten Nationen betreiben, Informationen zu Abrüstung und Friedensfrauen weltweit sammeln und weitergeben, wir werden Mahnwachen halten und demonstrieren, um für ein Leben in Frieden, Gerechtigkeit, Gleichberechtigung zu streiten, das alle Menschen einbezieht und Männern wie Frauen eine echte Sicherheit garantiert.

4. Last not Least: Starke Frauen wie Pippi Langstrumpf sind unsere Vorbilder.

Über 1000 Frauen aus 12 kriegsführenden und neutralen Staaten reisten Ende April 1915 unter großen Schwierigkeiten nach Den Haag, um ein Ende des Ersten Weltkriegs einzuklagen. Zu ihnen gehörten 28 deutsche Frauen. Die Leitung hatte die amerikanische Sozialreformerin Jane Adams, die 1931 den Friedensnobelpreis erhalten hat. Aus diesem Friedenskongress ging die „Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit"/ IFFF hervor. Wichtigstes Ergebnis des Kongresses war die Forderung an die Regierungen zur dauerhaften Sicherung des Friedens: Schaffung einer internationalen Schiedsbehörde, der die zukünftigen internationalen Streitigkeiten und Konflikte untergeordnet werden sollten (eine Inititialzündung für den Völkerbund, den Vorläufer der UNO).

Die Forderungen von 1915 nach „strikter Anerkennung des Völkerrechts, Abrüstung und Beteiligung der Frauen an politischen Entscheidungen" haben an Aktualität auch im Jahre 2009 nicht verloren!

Irmgard Heilberger

siehe auch: http://www.politischer-kirchentag-ploen.de/index.php?id=22