Wahlprüfsteine von Young WILPF Berlin

15. September 2017
In den vergangenen zwei Jahren veranstaltete Young WILPF Berlin mehrere Frauencafés mit geflüchteten Frauen. Bei den Treffen mit den jungen Berlinerinnen wurden Herausforderungen und Ängste der in Unterkünften lebenden Frauen deutlich. Diese wurden von Young WILPF als Fragen formuliert und mit den Wahlprüfsteinen der IFFF an die Spitzenkandidat_innen Berliner Parteien zur Bundestagswahl versandt.
Hier finden Sie die Antworten verschiedener Parteien auf die Fragen von Young WILPF in Bezug auf das Leben geflüchteter Frauen in Berlin.

Bildung geflüchteter Frauen und Mädchen

Dem klassischen Rollenbild im Herkunfts- und Ankunftsland geschuldet, bleibt es häufig die Aufgabe der Frauen, die Kinderbetreuung zu übernehmen. Das führt dazu, dass sie seltener die Integrations- und Bildungsangebote wahrnehmen können, als der männliche Teil der Geflüchteten. Die mangelnde Einbindung von Kinderbetreuung in staatlich eingerichtete Integrationsangebote führt also dazu, dass Frauen und Mädchen sich langsamer und schlechter integrieren können.

Hinzu kommt, dass für Mädchen und Frauen die Schule häufig der einzige Ort ist, an dem sie mit Einheimischen in Berührung kommen können. Mädchen leiden unter dem Ansatz der Willkommensklassen, in denen sie komplett isoliert von deutschen Schülerinnen und Schülern unterrichtet werden. Sie erhalten so kaum die Möglichkeit ihr Sprachniveau zu verbessern und ein kulturelles Verständnis zu entwickeln.

Werden Sie die Bildungs- und Integrationschancen für geflüchtete Frauen und Mädchen vermehrt fördern?

Bündnis90 Die Grünen Berlin: 

Mädchen und Frauen brauchen oftmals gesonderte Unterstützung beim Zugang zum Arbeitsmarkt und Bildungsangeboten. Geflüchtete Frauen können bisher zu wenig an den Angeboten der Arbeitsmarktintegration teilhaben. Dafür wollen wir niedrigschwellige Angebote schaffen – sowohl im Bereich der Sprach- und Integrationskurse als auch bei den Arbeitsagenturen. Dabei muss ausreichend Kinderbetreuung angeboten werden.

Die Linke Deutschland:

Ja, wir werden ein flächendeckendes Programm auflegen, um auch geflüchtete Frauen und Mädchen dabei zu unterstützen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das beinhaltet, dass Sprachkurse in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen und vor allem auch durch Kinderbetreuung ergänzt werden. Des Weiteren wollen wir Frauen und Mädchen durch Empowermentkurse und -angebote unterstützen (s. Frage 7).

Wichtig ist zudem die Verkürzung der Asylverfahren, die zügige Feststellung und Anerkennung vorhandener Qualifikationen und der uneingeschränkte Zugang zum Arbeitsmarkt ohne Wartefristen. (Unsere Forderungen befinden sich detailliert in den Anträgen 18/6644 und 18/9190)

CDU/CSU Deutschland:

Die jüngste Kurzanalyse des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) vom 12. April 2017 bestätigte die Annahme, dass geflüchtete Frauen meist weniger schulische und berufliche Bildung mitbringen. Dies führt aber nicht zu einem geringeren Erfolg in den Bildungsgängen selbst auswirkt. Das zeichnet sich ebenfalls beim Besuch von Integrationskursen in Deutschland ab, an denen geflüchtete Frauen offenbar seltener bzw. später teilnehmen, jedoch mit vergleichbarem Erfolg (Zertifikaterwerb) wie die Männer. Daher setzen sich CDU und CSU dafür ein, dass das BAMF auch weiterhin das Ziel verfolgt, mit niederschwelligen Frauenkursen die Hindernisse möglichst gering zu halten. Sie sind als Einstiegsangebot gerade auch für jüngere Frauen sinnvoll, die aufgrund familiärer Verpflichtungen (noch) nicht an Integrationskursen teilnehmen können oder wollen. Ferner halten wir integrationskursbegleitende Kinderbetreuung für einen wichtigen Schritt, um Zugangsbarrieren für Mütter zu senken.

SPD:

Integrationsarbeit mit Schutzsuchenden soll bereits in der Erstaufnahme mit Sprachkursen, der Vermittlung unserer Werte und Extremismusprävention beginnen. Wir wollen die Arbeit der Helferinnen und Helfer hierbei noch stärker unterstützen.
Anerkannte Asylbewerberinnen und Asylbewerber wollen wir noch schneller integrieren. Wir werden die verpflichtenden und berufsqualifizierenden Sprachkursangebote ausbauen, genauso wie Bildungs-, Ausbildungs- und Arbeitsangebote. Wir wollen sicherstellen, dass insbesondere Frauen nicht durch fehlende Kinderbetreuung daran gehindert werden.

 

Bereitstellung des Senats von Fördergeldern für geflüchtete Frauen und Mädchen

Senat und Bund finanzieren neue Projekte, die keinen Mehrwert schaffen, statt das Geld an bestehende, anerkannte Projekte zu vergeben. Dem folgt engstirnige Projektentwicklung, bei der geflüchtete Frauen als homogene Gruppe angesehen werden. Die tatsächlichen Bedürfnisse der Frauen werden oft nicht berücksichtigt und darunter leiden Frauen, die nicht den Stereotyp der geflüchteten Frauen erfüllen. Dies wirkt sich insbesondere negativ auf Jobsuche und zwischenmenschliche Kontakte aus.

Werden Sie sich dafür einsetzen, dass Gelder für geflüchtete Frauen in Zukunft nachhaltiger vergeben werden?

Bündnis90 Die Grünen Berlin:

Wir setzen uns für eine nachhaltige Förderung von zivilgesellschaftlichen Projekten für geflüchtete Frauen ein.

Die Linke Deutschland:

Ja, auf jeden Fall. Wir wollen z.B. ein bundeseinheitliches gut ausgestattetes und dauerhaft finanziertes Gewaltschutzsystem, das den Anforderungen der internationalen Menschenrechte entspricht. Nur mit einer festen Finanzierung, die im Haushaltsplan einen festen Budget einnimmt, lässt sich Gewalt an geflüchteten Frauen nachhaltig vermeiden (s. Frage 7).

CDU/CSU Deutschland:

Die Ergebnisse der vom BAMF in Auftrag gegebene Studie „Möglichkeiten und Grenzen der Nachhaltigkeit von Integrationsprojekten“ zeigen, dass sich Nachhaltigkeit in der Projektarbeit nicht auf die Fortführung der Projekte reduzieren lässt. Deutlich wird auch, dass Nachhaltigkeit nicht erst mit einer gezielten Übergangsgestaltung am Projektende zustande kommt. Die Grundlagen dafür sollten bereits bei der Konzeption des Projekts geschaffen und im Prozess der Projektdurchführung nachhaltigkeitsrelevante Weichen gestellt werden. CDU und CSU unterstützen die konkreten Handlungsempfehlungen für Mittelgeber, die beispielsweise dazu anregen, beim Antrags- und Auswahlverfahren nachhaltigkeitsrelevante Faktoren stärker zu berücksichtigen sowie die Projektträger zu qualifizieren und bei der Projektdurchführung zu begleiten.

SPD:

Geflüchtete Frauen sind vielen geschlechtsspezifischen Herausforderungen ausgesetzt. Wir setzten uns dafür ein, dass für sie bereitgestellte Mittel zielgerichtet eingesetzt werden.

Mitglieder von Young WILPF Berlin gemeinsam mit Teilnehmerinnen der Frauencafés für geflüchtete Frauen

Lesen Sie hier den kompletten Fragenkatalog der IFFF mit allen Antworten.