Wo sind hier die Frauenrechte?

31. Dezember 2016

Nadia Murad (23) und Lamiya Aji Bashar (19), zwei jesidische Menschenrechtsaktivistinnen, wurden 2016 mit dem Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments für Geistige Freiheit ausgezeichnet. Anlässlich dieser Auszeichnung waren sie am 6. Dezember 2016 im Europäischen Haus in Berlin und berichteten von dem Schicksal, welches sie heute für die Rechte der (jesidischen) Frauen eintreten lässt.

Bei ihren Vorträgen im Europäischen Haus verdeutlichen die beiden Frauen, dass Europa handeln muss, um den Jesidinnen zu helfen, denn vom IS versklavte jesidische Frauen werden unter anderem nach Europa verkauft. „Wo sind hier die Frauenrechte?“, fragt Nadia Murad mit steinerner Stimme. Auch um irgendwann in Frieden in ihre Heimatdörfer zurückkehren zu können benötigen sie die Unterstützung Europas, um die Vergehen des IS vor ein internationales Gericht zu bringen, da die irakische Regierung die Religion der Jesiden nicht anerkennt.

Im Jahr 2014 wurde das Heimatdorf der beiden Jesidinnen, das irakische Kocho, von der Terrormiliz Islamischer Staat besetzt und die Bewohner_innen aufgefordert, zum Islam zu konvertieren. Lange hatte das jesidische Dorf in Frieden mit seinem islamischen Nachbardorf gelebt, doch als sich die Jesid_innen der Konvertierung verweigerten und der IS ihr Dorf überfiel, schlossen sich die Nachbarn dem Massaker an. In großer Hitze inmitten des Chaos flohen die Bewohner_innen des Dorfes in die umliegenden Berge, um sich zu schützen. Die Männer des Dorfes sowie die älteren Frauen, denen die Flucht nicht gelang, wurden getötet. Kinder und Frauen wurden verkauft und versklavt. Darunter auch Nadia Murad und Lamiya Aji Bashar.

Beide lebten längere Zeit in Gefangenschaft des IS. Sie wurden währenddessen mehrfach vergewaltigt und gefoltert. Nach einigen Fluchtversuchen beiderseits gelang es ihnen, auf die kurdische Seite des Iraks zu gelangen. Als eine der drei Frauen, mit denen Lamiya flüchtete, auf eine Miene trat, verlor sie ihre zwei Freundinnen und eines ihrer Augen. Nun haben Nadia Murad und Lamiya Aji Bashar Zuflucht in Deutschland gefunden und setzen sich für die 3000 jesidischen Frauen ein, die ich noch heute in der Gewalt des IS befinden, sowie für die große Anzahl der weiteren Opfer von Menschenhandel.

Im Anschluss an die Vorträge eröffnete die Moderatorin Tina Gerhäusser eine Diskussionsrunde mit den beiden Aktivistinnen sowie dem CDU-Politiker und Mitglied des Europäischen Parlaments Elmar Brok. Leider gelang es der Moderatorin sowie Herrn Brok nicht, die Stärke, die die beiden Frauen immer wieder aufbringen, um von ihrem Schicksal zu berichten, in den Mittelpunkt zu rücken. Auch in der folgenden Fragerunde mit dem Publikum wurden die Frauen nahezu außer Acht gelassen. Die Moderatorin ließ zunächst lediglich Männer zu Wort kommen und das Publikum nutzte die Gelegenheit zur Frage stattdessen als Plattform zur Selbstdarstellung.

Die Fragenden schienen den Anlass des Preises völlig vergessen zu haben. Sie initiierten Grundsatzdiskussionen über die europäische Außenpolitik oder die Entstehung des  Islamischen Staates. Eine dem Anlass entsprechende Diskussion etwa über die Doppelbelastung von einer religiösen Minderheit angehörigen Frauen in Konflikt- und Kriegssituationen oder über die Zukunft der beiden Preisträgerinnen wurde völlig abgeblockt.

Angesichts der Tatsache, dass beide Frauen in ihren detaillierten Ansprachen über die Verletzungen ihrer Menschenrechte gerade erst ihre Traumata wiederauferstehen lassen mussten, war der Umgang mit Nadia Murad und Lamiya Aji Bashar in der Gesprächsrunde unsensibel, respektlos und unpassend.

Ein Affront gegenüber den Preisträgerinnen und eine verpasste Gelegenheit, über aus feministischer Perspektive äußerst relevante Themen zu sprechen.

Von Julia Trippo und Marieke Eilers (Young WILPF Berlin)