Über 120 feministische, Menschenrechts- und Demokratieorganisationen rufen alle Bereiche der Gesellschaft dazu auf, Anti-Gender-Politik in all ihren Formen abzulehnen.
Dieser Beitrag ist eine Übersetzung des gemeinsamen Statements der Initiative for Inclusive Feminism und über 120 unterzeichnenden Organisationen. Das Original zum Nachlesen findet sich hier.
The Anti-Gender Movement is an Anti-Rights Movement
August 2026
In den letzten zehn Jahren zeichnete sich ein breiter internationaler Konsens unter Menschenrechts-, feministischen, LGBTIQ+-, sexuellen und reproduktiven Gesundheits- und Rechte- (SRHR) sowie Demokratieorganisationen ab, dass die sogenannte „Anti-Gender“-Politik eine reaktionäre, globale Mobilisierung gegen Rechte darstellt. Diese bedroht die Geschlechtergleichstellung, die sexuelle und reproduktive Gesundheit und die entsprechenden Rechte sowie die Menschenrechte aller Frauen und Mädchen und aller LGBTIQ+-Personen. Obwohl sich diese Anti-Gender-Akteure in ihrer Herkunft, ihren Ideologien und ihren Organisationsformen unterscheiden, kooperieren sie zunehmend grenzüberschreitend, um etablierte Menschenrechtsstrukturen zurückzudrängen und demokratische Institutionen zu untergraben.
UN Women hat davor gewarnt, dass Bewegungen, die Anti-Gender-, „gender-kritische“ und „Männerrechts“-Politik umfassen, Teil dieses umfassenderen Widerstands gegen die Rechte aller Frauen und Mädchen und aller LGBTIQ+-Personen sind. Die Organisation stellt fest, dass diese Bewegungen die Rechte von Trans-Personen fälschlicherweise als im Widerspruch zu den Rechten von Frauen stehend darstellen. Dies schafft Spaltungen innerhalb des Feminismus und öffnet gleichzeitig Tür und Tor für umfassendere Angriffe auf die Geschlechtergleichstellung und die Menschenrechte. UN Women bekräftigt ferner, dass „die feministischen Ziele von intersektionaler Gerechtigkeit und Geschlechtergleichstellung nur erreicht werden können, wenn alle Frauen und alle LGBTIQ+-Personen als Teil einer breiten, intersektionalen feministischen Bewegung einbezogen werden, die in der Universalität und Unteilbarkeit der Menschenrechte verwurzelt ist.“ (1) Versuche, „gender-kritische“ Politik als eine eigenständige, auf Rechten basierende Position darzustellen, verschleiern deren Platz innerhalb dieses breiteren Ökosystems gegen Rechte.
„Feminismus ist eine universelle Menschenrechtsbewegung, die auf Solidarität, Intersektionalität und Mitgefühl aufbaut“
Dieses Verständnis wird von der gesamten internationalen feministischen Bewegung geteilt. Im Jahr 2026 unterstützten mehr als einhundert feministische Organisationen in ganz Europa ein gemeinsames Manifest für transfeministische Solidarität. Darin bekräftigten sie, dass „die Verteidigung der Rechte von Trans-Personen ein feministischer Kampf ist“, und riefen Feministinnen dazu auf, gemeinsam gegen Bewegungen gegen Rechte einzustehen, die versuchen, Frauenrechte von den Rechten von Trans-Personen abzuspalten. (2) Monate zuvor betonten 28 feministische Organisationen und geschlechterwissenschaftliche Gemeinschaften, dass Feminismus eine universelle Menschenrechtsbewegung ist, die auf Solidarität, Intersektionalität und Mitgefühl aufbaut, und dass es keinen Feminismus ohne Trans-Personen geben kann. (3)
In ihrem Bericht zur Lage der Menschenrechte weltweit (2025–2026) erklärte Amnesty International, dass die Welt am Rande einer gefährlichen neuen Ära steht. Diese wird durch Angriffe mächtiger Staaten, Konzerne und Bewegungen gegen Rechte auf den Multilateralismus, das Völkerrecht und die Menschenrechte angetrieben. Die Organisation rief Staaten, internationale Gremien und die Zivilgesellschaft dazu auf, diesen Angriffen gemeinsam Widerstand zu leisten. Damit soll verhindert werden, dass sich in diesem für die Menschheit entscheidenden Moment eine räuberische, gegen Rechte gerichtete Ordnung etabliert. (4)
In vielen Ländern greifen Akteure, die sich gegen Rechte richten, zunehmend auf „Lawfare“ (die strategische Nutzung des Rechtssystems als Waffe) zurück, um etablierte Menschenrechtsstrukturen zurückzudrängen. Diese Akteure nutzen Gerichte, Parlamente und Verwaltungsbehörden, um die rechtliche Anerkennung zu beschränken, den Zugang zur Gesundheitsversorgung einzuschränken, den Diskriminierungsschutz aufzuweichen und den zivilgesellschaftlichen Handlungsraum zu verengen. Diese Kampagnen werden oft als Bemühungen zum Schutz der „Meinungsfreiheit“ oder der „Frauenrechte“ dargestellt, während sie in Wirklichkeit die Universalität und Unteilbarkeit der Menschenrechte untergraben. Eine besonders hinterhältige Form dieses rechtlichen Kampfes versucht, die Analyse und die öffentliche Diskussion über diese Akteure zu unterdrücken. Indem sie Menschenrechtsorganisationen, Wissenschaftler, Journalisten und Aktivisten durch rechtliche Drohungen und Gerichtsverfahren einschüchtern, versuchen die Anti-Gender-Akteure nicht nur, Kritik mundtot zu machen, sondern auch zu verhindern, dass die Anti-Gender-Politik als Teil eines größeren, gegen Rechte gerichteten Projekts erkannt wird.
„Das Vereinigte Königreich zeigt, wie eine Politik gegen Rechte demokratische Gesellschaften von innen heraus aushöhlen kann“
Das Vereinigte Königreich ist zu einem der klarsten Beispiele für diesen breiteren Trend gegen Rechte geworden. In der Resolution 2417 (2022) verurteilte die Parlamentarische Versammlung des Europarates die „höchst voreingenommenen Anti-Gender-, gender-kritischen und Anti-Trans-Narrative“, die genutzt werden, um die Gleichberechtigung von LGBTI-Personen zu untergraben. Dabei wurde das Vereinigte Königreich neben Ungarn, Polen, Russland und der Türkei als ein Land identifiziert, in dem seit mehreren Jahren umfassende und oft giftige Angriffe auf die Rechte von LGBTI-Personen stattfinden. (5) Das Vereinigte Königreich zeigt, wie eine Politik gegen Rechte demokratische Gesellschaften von innen heraus aushöhlen kann. Anhaltende Anti-Gender-Kampagnen von politischen Akteuren, Teilen der Medien und organisierten Gruppen gegen Rechte, die von undurchsichtigen transnationalen Finanzierungsnetzwerken unterstützt werden, haben die Menschenrechte von Trans-Personen untergraben, demokratische Normen geschwächt und die Universalität der Menschenrechte infrage gestellt. Michael O’Flaherty, der Menschenrechtskommissar des Europarates, betonte im August 2026, dass die Angriffe auf LGBTI-Personen das Warnzeichen für einen breiteren Rückschlag gegen die Demokratie sind. (6)
Wir bekräftigen daher, dass die Verteidigung der Menschenrechte von Trans-Personen nicht von der Verteidigung der Frauenrechte, der Demokratie oder der universellen Menschenrechte zu trennen ist. Sie ist Teil desselben Kampfes gegen eine Politik, die sich gegen Rechte richtet. Wir rufen Menschenrechtsinstitutionen, feministische Organisationen, politische Parteien, Gewerkschaften, akademische Gemeinschaften und zivilgesellschaftliche Organisationen dazu auf, die Anti-Gender-Politik in all ihren Formen abzulehnen – einschließlich der Mobilisierungen gegen Rechte, die unter dem Label „gender-kritisch“ vorangetrieben werden –, den Versuchen von Akteuren gegen Rechte zu widerstehen, Frauenrechte von den Rechten von Trans-Personen abzuspalten, und gemeinsam für die Verteidigung der universellen Menschenrechte, der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit einzustehen.
Die Quellenangaben zu den Fußnoten und eine Liste der Unterzeichnenden finden sich in der Originalversion des offenen Briefs auf englischer Sprache.
