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Bildquelle: WILPF

Tag der Erde 2026: Das System an der Wurzel beheben, nicht nur die symptome

Mehr als 50 Jahre nach dem ersten Tag der Erde bestehen die Umweltkrisen nicht etwa wegen mangelnden Engagements einzelner Menschen fort, sondern weil die Systeme, die sie verursachen, unverändert bleiben. Wie die WILPF-Umweltarbeitsgruppe feststellt, erfordert echter Fortschritt, dass die größten Umweltverschmutzenden, Unternehmen der fossilen Brennstoffindustrie, wohlhabende Nationen und Militärs zur Rechenschaft gezogen werden und dass der Schwerpunkt von individuellen Anstrengungen auf einen systemischen Wandel hin zu Klimagerechtigkeit verlagert wird.

Ein Bericht der WILPF Umweltarbeitsgruppe in Übersetzung. Das englische Original findet sich hier.

Seit dem ersten Earth Day im Jahr 1970 wurden durch die Zusammenarbeit mit 150.000 Partner*innen in über 192 Ländern 1 Milliarde Menschen dazu bewegt, sich für den Schutz unseres Planeten einzusetzen.

Der Aufruf zum Handeln anlässlich des diesjährigen Earth Day lautet:

„Unsere Welt braucht einen tiefgreifenden Wandel. Es ist an der Zeit, dass die Welt die verschiedenen Sektoren für ihre Rolle in unserer Umweltkrise zur Rechenschaft zieht und gleichzeitig mutige, kreative und innovative Lösungen fordert. Dies erfordert Maßnahmen auf allen Ebenen, von der Wirtschaft und dem Investitionssektor bis hin zu den Stadt- und Landesregierungen. Hier kommst Du ins Spiel: Als Einzelperson verfügst du über echte Macht und Einfluss als Verbraucher*in, Wähler*in und Mitglied einer Gemeinschaft, die sich für den Wandel zusammenschließen kann. Unterschätze deine Macht nicht. Wenn deine Stimme und dein Handeln mit denen von Tausenden oder Millionen anderen Menschen auf der ganzen Welt vereint sind, schaffen wir eine Bewegung, die inklusiv, wirkungsvoll und unmöglich zu ignorieren ist.“

Es ist auffällig, dass die gemeinsamen Aktionen von etwa einem Achtel der heutigen Weltbevölkerung, die diese Überzeugung teilen, die faktische Verschlimmerung von Umweltverschmutzung, Zerstörung und Klimakatastrophen nicht verhindern konnten.

Dies verdeutlicht den kritischen Charakter der Herausforderung: die extremen Machtungleichgewichte und fehlerhaften Systeme, die die Ausbeutung und Zerstörung von Menschen und Planet aufrechterhalten.

Zwar sind individuelle Maßnahmen gegen die miteinander verflochtenen Krisen des Klimas, des Verlusts der Artenvielfalt und der Umweltverschmutzung wichtig, doch ist die Verantwortung zum Handeln nicht gleichmäßig verteilt. Anstatt den am stärksten gefährdeten Menschen Forderungen nach einer Änderung ihres Lebensstils und ihrer Lebensgrundlagen aufzuerlegen, müssen wir diejenigen zum Handeln auffordern, die die größte Verantwortung tragen.

Die Hauptverantwortlichen sind die Reichen: 50 % der weltweiten Emissionen stammen von den reichsten 10 %. Die Hauptverantwortlichen sind die Regierungen der am stärksten industrialisierten und wohlhabendsten Länder, die ihre unverhältnismäßige Verantwortung und Klimaschuld anerkennen müssen. Die Hauptverantwortlichen sind die Streitkräfte weltweit, insbesondere in diesen Zeiten zunehmender Kriege und Zerstörung.

Vielleicht stehen ganz oben auf der Liste derjenigen, die zur Rechenschaft gezogen werden sollten, die CEOs der fossilen Brennstoffkonzerne, die nicht nur von unserem Untergang profitieren, sondern seit über 40 Jahren aktiv Fehlinformationen über ihre eigene Umweltverschmutzung verbreiten. Aus Angst vor Gewinneinbußen, da die Dynamik für ein Abkommen über fossile Brennstoffe zunimmt und der Übergang zu erneuerbaren Energien voranschreitet, planen die fossilen Brennstoffkonzerne, die Kunststoffproduktion zu steigern, was die Mikroplastikverschmutzung unserer Körper und des Planeten verschlimmert.

Werfen wir einen Blick auf einige Vorschläge für den Earth Day 2026:

Gemeinschaftliche Aufräumaktionen: Während die Menschen den in ihren Nachbarschaften weggeworfenen Müll (Plastiktüten, Zigarettenkippen oder Hundekot) einsammeln, sprüht die Agrarindustrie Pestizide und bringt chemische Düngemittel aus, die in Boden und Wasser eindringen und langfristig Flora, Fauna und die menschliche Gesundheit schädigen. Fast 99 % der Weltbevölkerung leben in Gebieten, in denen die Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für die Luftqualität überschritten werden. Mikroplastik ist im Trinkwasser allgegenwärtig; Studien haben weltweit in über 80 % der Leitungswasserproben eine Kontamination festgestellt. Die Industrie betreibt Ressourcenraubbau und Produktionsmethoden, die Landschaften zerstören und Flüsse und Seen leeren.

Diese gewaltige Herausforderung erfordert einen systemischen Wandel durch Regulierung, freiwilliges unternehmerisches Handeln und industrielle Transformation sowie einen Wandel in der Denkweise und im Verhalten. Ruanda setzt ein einzigartiges Beispiel – dort ist die Verwendung von Kunststoffverpackungen gesetzlich gänzlich verboten.

Baumpflanzungen: Zahlreiche Initiativen haben weltweit Bäume gepflanzt, von städtischen Dachgärten bis zur Great Green Wall, die sich von Senegal bis Äthiopien erstreckt, von Tourist*innen, die einen Baum pflanzen, um ihre Flugemissionen zu kompensieren, bis hin zu Milliarden von Bäumen, die im Rahmen des „Three-North Shelter Forest Program“ in China gepflanzt wurden. Doch dies hat die gezielte Abholzung von Bäumen für den Rohstoffabbau und die Agrarindustrie nicht beendet. Das generische Pflanzen von Bäumen berücksichtigt nicht den enormen Unterschied im Wert der Biodiversität zwischen neu gepflanzten Bäumen und einheimischen, uralten Wäldern sowie deren lebendigen Ökosystemen.

Die Produktion von Konsumgütern wie Sojabohnen, Palmöl oder Rindfleisch ist für 80 % der weltweiten Entwaldung verantwortlich. Im Jahr 2020 gab die FAO an, dass jährlich 10 Millionen Hektar, davon ein Drittel Primärwälder, zerstört werden.

Die Auswirkungen von Kriegen auf die Landnutzung und die Biodiversität erfordern weitaus umfassendere Forschung. Zwischen 2022 und 2023, den ersten beiden Jahren der russischen Invasion in der Ukraine, wurden fast 1.600 Quadratkilometer Wald zerstört.

In den besetzten palästinensischen Gebieten (Westjordanland), wo mehr als 10 Millionen Olivenbäume stehen, wurden seit Beginn der Besatzung im Jahr 1967 etwa eine Million Olivenbäume absichtlich zerstört, um der palästinensischen Bevölkerung ihre Lebensgrundlage zu entziehen. Im Gazastreifen haben die anhaltenden israelischen Bombardements bereits 75 % der Olivenbäume vernichtet. Es wird geschätzt, dass der durch den Völkermord stark kontaminierte Boden die Wiederaufforstungsbemühungen über Generationen hinweg behindern wird.

Die rechtliche Anerkennung der Rechte der Natur gewinnt jedoch zunehmend an Bedeutung. Ecuador geht hier mit gutem Beispiel voran – seit 2008 gewährt die Verfassung des Landes in Artikel 71 der Pacha Mama (Mutter Erde) das Recht auf Existenz. Dieser Schutz kann von jeder Nichtregierungsorganisation vor Gericht durchgesetzt werden und hat bereits die Eröffnung einer Goldmine auf indigenem Land verhindert.

Friedliche Demonstrationen: Im September 2019 nahmen zwischen sechs und acht Millionen Menschen an einem weltweiten Klimastreik teil, der von Fridays for Future, 350.org und zahlreichen anderen Umwelt-NGOs initiiert wurde. Friedlich, bunt, enthusiastisch.

Doch diese Bewegung konnte bei den 195 Vertragsparteien des Pariser Abkommens – einem rechtsverbindlichen Abkommen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen und zur Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 Grad – keine nennenswerten Maßnahmen an der Schnittstelle von Klima und Frieden bewirken. Im Gegenteil: Diejenigen, die den größten Anteil an den CO₂-Emissionen tragen, haben ihre Militärausgaben auf Rekordniveau erhöht und schicken heute ihre Waffen in die zerstörerischsten Kriege in der Ukraine, im Sudan und in Westasien. Die durch militärische Aktivitäten verursachten globalen Emissionen werden auf über fünf Prozent geschätzt, doch die Emissionen des Militärsektors werden im Rahmen des Pariser Abkommens weder gemeldet noch überwacht. Friedliche Demonstration versus gewaltsame Zerstörung und sogar Völkermord.

Jahr für Jahr streiten sich die Vertragsparteien des Pariser Abkommens um die Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen, ziehen es jedoch nicht in Betracht, Militärausgaben in den Schutz der Natur und der durch Katastrophen gefährdeten Menschen umzulenken. Und das, obwohl sich Jahr für Jahr friedliche Demonstranten vor den Türen von Klimakonferenzen versammeln. Ihre Forderungen bleiben ungehört.

Während die Mächtigen weiterhin damit beschäftigt sind, Emissionen zu minimieren, setzen sich andere, insbesondere Gemeinschaften und Nationen im sogenannten Globalen Süden, die den akutesten und existenziellsten Klimarisiken ausgesetzt sind, für einen gerechteren Weg in die Zukunft ein. Ein jüngster Meilenstein war die Klimakonferenz 2025 in Belém, Brasilien, wo erstmals Formulierungen zur Klimagerechtigkeit im Abschlussdokument verankert wurden.

Während die Mächtigen weiterhin damit beschäftigt sind, Emissionen zu minimieren, konzentrieren sich andere darauf, einen Vertrag auf den Weg zu bringen, der die Klimakrise an der Wurzel packt. Eine große globale Bewegung setzt sich für einen Vertrag über fossile Brennstoffe ein, wobei eine wachsende Zahl von Aktivist*innen die Entmilitarisierung als unverzichtbar für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und einen gerechten Übergang fordert.

Fazit

Zwar hat die individuelle Teilnahme an Earth-Day-Aktivitäten wie dem Pflanzen eines Baumes oder der Säuberung der Nachbarschaft mit Freund*innen viele Vorteile – von der Stärkung des Gemeinschaftsgefühls bis hin zur Sensibilisierung –, doch sollten wir auch unsere Kräfte bündeln, um die systemischen Ursachen zu identifizieren, das Verursacherprinzip einzufordern und zu verbreiten sowie Hebel für einen ganzheitlichen und umfassenden Wandel zu finden.

Da Krieg uns die Erde kostet: