12. Januar 2022

Koalitionsvertrag 2021-2025: Statement der deutschen WILPF Sektion aus feministischer und friedenspolitischer Perspektive

Die neue Bundesregierung hat ihre Arbeit aufgenommen und sie feiert sich als neues Fortschrittsbündnis. Das Kabinett ist (fast) paritätisch besetzt und zum ersten Mal hat die Bundesregierung mit Annalena Baerbock von Bündnis90/Die Grünen eine Außenministerin an der Spitze des Auswärtigen Amts. Aber wie viel Fortschritt ist in den Bereichen der Außen- und Sicherheitspolitik wirklich zu erkennen und welche Fragen oder Widersprüche bleiben offen? Wir haben uns den aktuellen Koalitionsvertrag der SPD, Bündnis90/Die Grünen und der FDP genauer angesehen – aus einer feministischen und friedenspolitischen Perspektive.

Feministische Außenpolitik

Erstmals strebt eine Koalition in ihren außenpolitischen Zielen eine Feminist Foreign Policy (Feministische Außenpolitik) an. Dabei setzt sich die zukünftige Bundesregierung zum Ziel “Rechte, Ressourcen und Repräsentanz von Frauen und Mädchen weltweit zu stärken und gesellschaftliche Diversität zu fördern” (S. 144). Außerdem verspricht der Koalitionsvertrag, dass “mehr Frauen in internationale Führungspositionen” (S. 144) entsendet werden sollen. Dies ist ein wichtiger Schritt, jedoch beinhaltet eine konsequente Umsetzung einer feministischen Außenpolitik mehr als nur eine höhere Repräsentation von Frauen. Es wird ein struktureller Wandel benötigt, welcher bestehende patriarchale und koloniale Machtverhältnisse in der internationalen Politik hinterfragt, diesen entgegenwirkt sowie die Bedürfnisse von global am stärksten benachteiligten Gruppen in allen außenpolitischen Entscheidungsprozessen in den Vordergrund rückt. Eine feministische Außenpolitik sollte außerdem eine umfangreiche Abrüstungspolitik beinhalten – erhöhte Verteidigungsausgaben, Rüstungsexporte und die Stationierung von US-amerikanischen Atomwaffen in Deutschland widersprechen unserer Ansicht nach einer konsequenten feministischen Außenpolitik. Mehr Informationen, was eine umfangreiche feministische Außenpolitik in der Praxis ausmacht, sind in unserer Publikation Practicing Feminist Foreign Policy in the Everyday – A Toolkit” zu finden.[1]

Die Koalition will den “Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der VN-Resolution 1325 ambitioniert umsetzen und weiterentwickeln” (S. 144). Zur Implementierung des aktuellen Nationalen Aktionsplans (NAP) der Agenda “Frauen, Frieden und Sicherheit” veröffentlichten wir bereits eine Stellungnahme gemeinsam mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteur*innen, welche den NAP detailliert bewertet.[2]

Abrüstung

Verteidigung und Bundeswehr

Einerseits befürworten wir, dass der Koalitionsvertrag vorsieht, Soldat*innen unter 18 Jahren nicht an der Waffe auszubilden. Andererseits kritisieren wir, dass “weitere Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität des Dienstes in der Bundeswehr” (S. 149) vorgesehen sind. Wir kritisieren eine damit einhergehende steigende Normalisierung von Militarisierung sowie die im Koalitionsvertrag zugesagte, weitere Förderung von personeller, materieller und finanzieller Ausstattung der Bundeswehr (S.148).

Der Koalitionsvertrag verspricht dienst- und arbeitsrechtliche Anpassungen innerhalb der Bundeswehr, um Personen mit extremistischen Einstellungen einfacher aus dem Dienst zu entlassen (S.150). Es fehlt dabei eine Konkretisierung, wie diese Anpassungen aussehen sollen und eine transparente Auseinandersetzung, wie mit bisherigen rechtsextremistischen Fällen und Strukturen in der Bundeswehr umgegangen wird.

Die Bundesregierung strebt eine Investition von 3% des Bruttoinlandsprodukts für “internationales Handeln” (S. 144) an. Dies würde sowohl die Bereiche Diplomatie und Entwicklungspolitik betreffen als auch “in der NATO eingegangene Verpflichtungen erfüllen” (S. 144). Diese Formulierung scheint sich somit indirekt auf das 2%-Ziel der NATO zu beziehen. Wir kritisieren diese Entwicklung, da dadurch die Finanzierung entwicklungspolitischer und diplomatischer Ziele mit militärischen Strategien der NATO vermischt werden. Dies führt dazu, dass Militarisierung weiter normalisiert wird und Verteidigungsausgaben zu Gunsten der NATO steigen.

Eine ausführliche Bewertung von Militarisierung in der bisherigen deutschen Außenpolitik ist in der Publikation Wie militarisiert ist die deutsche Außenpolitik – Ein Policy Brief” zu finden.[3] Die dort vorzufindende kritische Auseinandersetzung bleibt für die zukünftige Bundesregierung in vielen Punkten aktuell.

Rüstungsexporte

Positiv herauszustellen ist, dass im Koalitionsvertrag eine restriktive Rüstungsexportkontrolle angestrebt wird und die Bundesregierung sich “für ein nationales Rüstungsexportkontrollgesetz” (S. 146) einsetzen möchte. Dies schränkt die Verbreitung von deutschen Waffen international ein und ermöglicht eine strengere Kontrolle – jedoch ist die genaue inhaltliche Ausführung des Gesetzes und deren Festschreibung von Verbindlichkeit abzuwarten. Wir erwarten, dass ein solches Gesetz auch geschlechtersensibel ist. Dabei muss berücksichtigt werden, welche Gruppen – insbesondere global mehrfach marginalisierte Gruppen – von deutschen Waffenexporten betroffen sind und inwiefern diverse Waffen (beispielsweise Kleinwaffen) auch geschlechtsspezifische Gewalt in Exportländern befördern. Langfristig lehnen wir Rüstungsexporte in jegliche Zielländer ab.

Nukleare Abrüstung

Der Koalitionsvertrag verspricht eine Stärkung internationaler Abrüstungsinitiativen und ein Bekenntnis zu einer atomwaffenfreien Welt. Bei genauerem Hinsehen stellen wir jedoch fest: Die neue Bundesregierung hält weiterhin an der “Aufrechterhaltung eines glaubwürdigen Abschreckungspotentials” (S.145) im Rahmen vermeintlicher Verpflichtungen als der Teil der NATO fest. Die gegenseitige Androhung von Massenvernichtung durch Atomwaffen ist aus feministischer Perspektive vor allem eines: die Aufrechterhaltung patriarchaler Machtdynamiken und das Ausblenden humanitärer Auswirkungen dieser Waffen. Eine glaubwürdige nukleare Abrüstungspolitik würde sich einerseits vom Konzept der Abschreckung verabschieden und sich andererseits an den Forderungen und Bedürfnissen Überlebender und Betroffener von Atomwaffeneinsätzen, Atomwaffentests und den Folgen von Uranabbau sowie der gesamten nuklearen Produktionskette orientieren. Außerdem sollten geschlechtsspezifische Auswirkungen dieser Waffen berücksichtigt werden. Diese elementaren Bestandteile einer glaubwürdigen Abrüstungspolitik bleiben unerfüllt.

Dennoch geht der Koalitionsvertrag einen Schritt in die richtige Richtung: Die Bundesregierung kündigt einen Beobachterstatus zur bevorstehenden Vertragsstaatenkonferenz des Atomwaffenverbotsvertrags (AVV) an (S.145). Damit ist Deutschland – nach Norwegen – erst der zweite NATO-Staat, der sich dem Atomwaffenverbotsvertrag annähert. Es müssen jedoch weitere, konkrete Abrüstungsbemühungen folgen: der Abzug der in Deutschland stationierten US-amerikanischen Atomwaffen sowie der vollwertige Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag durch eine Ratifizierung. Insbesondere kritisieren wir vehement, dass weitere finanzielle Ressourcen in das Nachfolgesystem des Kampfflugzeuges Tornado fließen (S.149) – eine wirklich feministische Außen- und Sicherheitspolitik investiert nicht in militärische, sondern zivile Kapazitäten.

Drohnen

Wir lehnen ab, dass die Bewaffnung von Drohnen der Bundeswehr in der neuen Legislaturperiode ermöglicht wird. Die Koalition begründet diese Anschaffung mit dem “Schutz von Soldatinnen und Soldaten im Auslandseinsatz” (S. 149). Sowohl von der SPD, die sich selbst als “Friedenspartei” bezeichnet, als auch von Bündnis 90/Die Grünen, einer Partei mit Wurzeln in der Friedensbewegung, erhofften wir uns, dass die Anschaffung von bewaffneten Drohnen nicht unterstützt wird. Insbesondere da die zuvor von der SPD eingesetzte Projektgruppe zu dieser Thematik zur Erkenntnis kam, dass es effektivere Möglichkeiten zum Schutz von Soldat*innen gibt.[4] Außerdem fühlt sich die Bevölkerung vor Ort durch den Einsatz von Drohnen einer ständigen Bedrohung und Überwachung ausgesetzt, wodurch das Erreichen von Zielen und Zusammenarbeit erschwert werden kann. Ebenso wird eine Fortentwicklung hin zu vollautomatisierten Waffensystemen (s. unten) wahrscheinlicher.

Durch Recherchen über den Drohneneinsatz der USA ist bekannt, dass zahlreiche Zivilist*innen “aus Versehen” (sog. collateral damage) getötet werden.[5] Der Einsatz von bewaffneten Drohnen reproduziert darüber hinaus geschlechtsspezifische und rassistische Vorurteile. So wurden beim Einsatz in Afghanistan vor allem männlich gelesene Personen in einem für das Militär geeignetem Alter (‘military aged male’) zum Zielobjekt von Drohnen. Auch solche Aspekte und ihre Auswirkungen müssen bei der Erarbeitung von Auflagen zum Einsatz bewaffneter Drohnen von der neuen Bundesregierung unbedingt mitberücksichtigt werden.

Autonome Waffensysteme

Wir befürworten, dass die Bundesregierung “letale autonome Waffensysteme, die vollständig der Verfügung des Menschen entzogen sind” (S. 145) ablehnen und eine “internationale Ächtung” aktiv vorantreiben wollen (ebd.). Allerdings geht uns das nicht weit genug, da es nicht nur eine Ächtung, sondern auch ein internationales rechtsverbindliches Verbot von autonomen Waffensystemen braucht.

Wir befürchten, dass bestehende Machtunterschiede durch die algorithmische Voreingenommenheit dieser Waffen verschärft werden, da Menschen aufgrund bestimmter Charakteristika gezielt überwacht, anvisiert und getötet werden.[6] Ebenso ist die Frage um die Verantwortlichkeit bei einer Tötung von Waffen ohne menschliche Kontrolle höchst problematisch.

Seit einigen Jahren beteiligt sich Deutschland bereits an der Ko-Finanzierung und Entwicklung des EU-Rüstungsprojekts Future Combat Air System (FCAS). Ein Bestandteil davon sind Drohnenschwärme, die Kampfflugzeuge begleiten und dabei auch autonom agieren können sollen. Eine konsequente Ablehnung autonomer Waffensysteme, wie im Koalitionsvertrag formuliert, würde einer Weiterführung dieses Projekts widersprechen. Solche Vorhaben müssen jetzt von der neuen Bundesregierung gestoppt werden.

Cybersicherheit

Es ist erfreulich, dass sich die Bundesregierung für eine “friedliche Nutzung” (S. 146) des Cyberraums ausspricht. Gleichzeitig ist fraglich, was die “ehrgeizige Cybersicherheitspolitik” (S. 149) beinhalten wird. Die Stärkung der Bundeswehr als Akteur im Cyber-Raum (ibid.) birgt jedenfalls das Risiko, dass derselbe noch weiter als bisher militarisiert wird. Auf offensive Cyberoperationen sollte die Bundeswehr ausnahmslos verzichten, da diese schwer einschätzbare Folgen haben können, wie zum Beispiel die Beschädigung lebenswichtiger, ziviler Infrastruktur (Krankenhäuser, Strom- und Wasserversorgung).

Ein wichtiges Vorhaben ist die Stärkung der “Normen für verantwortliches Staatenverhalten im Cyberspace” (S. 146). Zwar fehlt den Normen bislang eine Genderperspektive,[7] doch sind sie ein geeignetes Mittel, um unter anderem einen rücksichtsvolleren Umgang mit Schad- und Überwachungssoftware zu bewirken. Wir erwarten, dass der Export von deutscher Überwachungssoftware zukünftig vollständig verboten wird. Aus feministischer Sicht ist dies ein wichtiger Schritt, da sie auch für die Überwachung der Zivilgesellschaft, Aktivist*innen und Journalist*innen eingesetzt wird.

Klimagerechtigkeit & Militär

Der Koalitionsvertrag macht deutlich, dass die neue Regierung eine Klimaaußenpolitik verfolgt, die „Klimagerechtigkeit im Sinne des European Green Deals, der Agenda 2030 und des Pariser Klimaabkommens“ (S.143) in den Mittelpunkt bilateraler und multilateraler Vereinbarungen stellt.

Zwar heißt es im Koalitionsvertrag, die Regierung werde sich für die „Wiederbelebung der internationalen Abrüstung und Rüstungskontrolle“ einsetzen (S. 143), jedoch ignoriert sie den Zusammenhang zwischen Entmilitarisierung und Klimagerechtigkeit. Aus unserer Sicht ist es entscheidend, Demilitarisierung, Denuklearisierung und Dekarbonisierung im Rahmen einer Feministischen Außenpolitik und Klimaaußenpolitik zu verbinden, um ökologischen Frieden, Geschlechtergerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten. Das bedeutet unter anderem mehr Transparenz über die Treibhausgasemissionen der Bundeswehr, zumal die Offenlegung der CO2-Emissionen durch die Bundesregierung im Rahmen des Pariser Klimaabkommens freiwillig ist. Darüber hinaus sollte Abrüstung als Maßnahme zur Erreichung von Klimaschutzzielen verstanden werden, anstatt die CO2-Emissionen von Rüstungsproduktion, -testung und -export zu kompensieren.[8]

Zivile Krisenprävention & Friedensförderung

Die Erwähnung der Leitlinien zur Krisenprävention, Konfliktbearbeitung und Friedensförderung und das damit verbundene Ziel, den ressortübergreifenden Umgang mit internationalen Krisen zu verbessern, sind erfreulich. Ebenso ist es ein Fortschritt, dass mehr personelle und finanzielle Ressourcen für die Umsetzung der Leitlinien bereitgestellt werden sollen. Es bleibt jedoch offen, ob die neue Bundesregierung der Früherkennung und Prävention von Krisen und bewaffneten Konflikten mehr Aufmerksamkeit schenken und folglich auch frühzeitiger reagieren wird als die bisherige.

Der massive Ressourcenverbrauch von Industrieländern wie Deutschland, unfaire Handelsabkommen mit Staaten im globalen Süden, die Unterstützung autoritärer Staatsführer*innen und Rüstungsexporte verschärfen Krisen und bewaffnete Konflikte sowie soziale Ungleichheit, wozu auch Geschlechterungleichheit zählt. Die Leitlinien sollten dementsprechend auch stärker genutzt werden, um das eigene politische Handeln zu hinterfragen und auch kurzfristiger modifizieren zu können, wenn Ziele nicht erreicht werden. Grundsätzlich sollte die neue Bundesregierung die Expertise der (feministischen) Zivilgesellschaft und Wissenschaft in Deutschland als auch in fragilen Staaten mehr nutzen, um die Leitlinien wirksamer umzusetzen als die vorherige Regierung.[9]

Menschen- und Frauenrechte in Deutschland

Menschenrechtsarbeit ist nicht nur ein wichtiger Bestandteil der deutschen Außenpolitik. Sie muss auch innenpolitisch ehrgeiziger umgesetzt werden. Positiv ist das Vorhaben der neuen Bundesregierung, “die Arbeit zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus” (S. 107) fortzusetzen, weiterzuentwickeln und finanziell abzusichern. Ebenso wird ein breites Spektrum an gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit genannt, das bekämpft werden soll: “Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus, insbesondere gegen Schwarze Menschen, Muslimfeindlichkeit, Frauenhass und Queerfeindlichkeit sowie Angriffe gegen Geflüchtete und Engagierte” (S. 120). Jedoch fehlt an dieser Stelle wie in den Jahren zuvor ein Verweis auf die innenpolitische Umsetzung der Resolution 1325 “Frauen, Frieden und Sicherheit”, die im Bereich der Menschenrechtsarbeit und Konfliktprävention eine Brücke zwischen der Außen- und Innenpolitik der Bundesregierung bauen sollte.

Wir freuen uns sehr über die Abschaffung des Informationsverbots hinsichtlich Schwangerschaftsabbrüche (§ 219a StGB; S. 116). Dennoch hätten wir uns gewünscht, dass die neue Bundesregierung noch einen Schritt weiter geht und mit der Streichung des § 218 StGB endlich Schwangerschaftsabbrüche legalisiert. Wir hoffen, dass die neue “Kommission zur reproduktiven Selbstbestimmung und Fortpflanzungsmedizin” (S. 116) progressive Regelungen voranbringen wird.

Erfreulich ist die zweimalige Nennung der Istanbul-Konvention im Koalitionsvertrag. In Deutschland soll sie mittels einer staatlichen Koordinierungsstelle (S. 114) umgesetzt werden, wobei auch Gewalt im digitalen Raum mitberücksichtigt wird. Die Bundesregierung möchte sich auch stärker bei den Mitgliedern des Europarats für eine Ratifizierung und Umsetzung der Konvention engagieren (S. 147). Der Einsatz für eine intersektionale Gleichstellungspolitik auf internationaler Ebene soll außerdem durch die Umsetzung der UN-Frauenrechtskonvention (CEDAW) verstärkt werden (S. 114). Gespannt sind wir auf die Maßnahmen, die dabei eine “gleichstellungsorientierte Jungen- und Männerpolitik” (S. 114) beinhalten wird, da an dieser Stelle keine Einzelheiten genannt werden. Aus feministischer und friedenspolitischer Sicht wäre es dringend erforderlich in diesem Kontext Militarisierte Männlichkeit zu thematisieren und problematisieren, um so wirksamer Gewalt und bewaffnete Konflikte verhindern zu können.[10]

Europa/Europäische Union

Der Koalitionsvertrag beinhaltet viele Bekenntnisse zur Stärkung der Europäischen Union und der europäischen Zusammenarbeit. Besorgniserregend ist, dass hierbei nicht nur der Friedensgedanke, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit im Vordergrund stehen, sondern auch eine Tendenz hin zu einer Militarisierung der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik angedeutet wird. So soll die “strategische Souveränität der Europäischen Union” (S. 7) unter anderem durch “eine verstärkte Zusammenarbeit nationaler Armeen integrationsbereiter EU-Mitglieder” (S. 135f.) gefördert werden. Ein weiterer Kritikpunkt von uns ist das Vorhaben einer Stärkung der “rüstungstechnischen Zusammenarbeit in Europa insbesondere mit hochwertigen Kooperationsprojekten” (S.149). Wir lehnen eine zunehmende Tendenz von zivil-militärischer Zusammenarbeit oder Kooperationsprojekten im Bereich der Rüstungsindustrie auf europäischer Ebene ab.

Ein wichtiger Schritt und eine sinnvolle Ergänzung zum nationalen Rüstungsexportkontrollgesetz ist wiederum die Ankündigung einer “EU-Rüstungsexportverordnung” (S. 146). Nur gemeinsam können Waffenexporte umfassend und langfristig verhindert werden.

Wir begrüßen, dass der Koalitionsvertrag sich dafür ausspricht “illegale Zurückweisungen und das Leid an den Außengrenzen” (S. 141) zu beenden. Allerdings wird nicht genau aufgeführt wie dies geschehen soll. Eine menschenrechtsbasierte Politik an den EU-Außengrenzen muss schnellstmöglich umgesetzt werden, um Menschen den Zugang zu ihrem Recht auf Asyl zu gewährleisten. Kritisch sehen wir, dass die Bundesregierung weiter auf eine Kooperation mit Drittstaaten setzt. Wir befürworten, dass es ein humanitäres Bundesaufnahmeprogramm für Afghanistan geben soll, um unter anderem die Aufnahme von afghanischen Ortskräften und ihren Angehörigen zu vereinfachen (S. 142).

Fazit

Die progressiven Zielsetzungen im Koalitionsvertrag, wie zum Beispiel die Annäherung an eine feministische Außenpolitik, der angestrebte Beobachterstatus bei der ersten Staatenkonferenz des Atomwaffenverbotsvertrags, ein restriktiveres Rüstungskontrollgesetz sowie ein verstärkter Einsatz für Menschen- und Frauenrechte, sind zu begrüßen und vor allem zivilgesellschaftlichen Akteur*innen zu verdanken, welche sich seit Jahrzehnten für diese Schritte einsetzen. Jedoch sind viele Vorhaben der zukünftigen Bundesregierung im Bereich der Außen- und Sicherheitspolitik aus einer feministischen und friedenspolitischen Perspektive nicht ausreichend.

Das neue ‘Fortschrittsbündnis’ bedient sich weiterhin einem klassischen, militarisierten Sicherheitsverständnis, das unter anderem auf atomare Abschreckung und die Erhöhung der Verteidigungsausgaben setzt. Unter einer feministischen Außenpolitik wird im Koalitionsvertrag insbesondere eine stärkere Repräsentation von Frauen, anstelle eines strukturellen Wandels in Außen- und Sicherheitspolitik verstanden. Dieser Wandel würde auch eine konsequente Abrüstungspolitik beinhalten sowie eine Abkehr eines militärischen hin zu einem zivilen Sicherheitsverständnis. Wir werden die Umsetzung des Koalitionsvertrags in dieser Legislaturperiode kritisch verfolgen und weitere Schritte hin zu einer wirklich feministischen Außen- und Sicherheitspolitik einfordern. Wir erwarten, dass außen- und sicherheitspolitische Entscheidungen durch ein intensives Einbeziehen feministischer Zivilgesellschaft im In- und Ausland getroffen werden.

von Michelle Benzing, Anna Hauschild, Jennifer Menninger und Leonie Wanner


[1] Women’s International League for Peace and Freedom Germany 2021. Practicing Feminist Foreign Policy in the Everyday – A Toolkit: https://www.wilpf.de/practicing-feminist-foreign-policy-in-the-everyday-a-toolkit-2/

[2] Frauen, Frieden und Sicherheit Zivilgesellschaftliche Stellungnahme des 3. Nationalen Aktionsplan der Bundesregierung 2021. https://www.wilpf.de/frauen-frieden-und-sicherheit-zivilgesellschaftliche-stellungnahme-zum-3-nationalen-aktionsplan-der-bundesregierung/

[3] Deutsche Sektion der Women’s International League for Peace and Freedom & Centre for Feminist Foreign Policy 2021. Wie militarisiert ist die deutsche Außenpolitik? https://www.wilpf.de/wie-militarisiert-ist-die-deutsche-aussenpolitik-ein-policy-brief/

[4] Sozialdemokratische Partei Deutschlands 2021. Abschlussbericht der SPD-Projektgruppe zur Frage der Bewaffnung von Drohnen. https://www.spd.de/fileadmin/Dokumente/Sonstiges/20211012_Bericht_PG_Drohnen.pdf

[5] Reaching Criticall Will 2021. Humanitarian Impact of drones:
https://reachingcriticalwill.org/images/documents/Publications/humanitarian-impact-of-drones-2nd-edition.pdf

[6] Reaching Criticall Will 2020. Autonomous Weapons and Patriarchy. https://reachingcriticalwill.org/images/documents/Publications/aws-and-patriarchy.pdf

[7] Women’s International League for Peace and Freedom and the Association for Progressive Communications 2021. Why gender matters in international cyber security. https://reachingcriticalwill.org/resources/publications-and-research/publications/14677-why-gender-matters-in-international-cyber-security

[8] Women’s International League for Peace and Freedom 2021: Feminist Action for Climate Justice.
https://www.wilpf.org/wp-content/uploads/2021/02/Action-Coalitions-and-WPS-Policy-Brief-4.pdf

[9] Siehe auch: Stellungnahme zum Bericht über die Umsetzung der Leitlinien „Krisen verhindern, Konflikte bewältigen, Frieden fördern“ der Bundesregierung 2021. https://peacelab.blog/uploads/Stellungnahme_Umsetzungsbericht_Leitlinien_Beirat_Zivile_Krisenpr%C3%A4vention_2021_03_31.pdf

[10] Militarisierte Männlichkeit meint, dass Stereotyp mit Männlichkeit assoziierte Eigenschaften durch Militärdienst oder -einsatz, insbesondere durch Kampfhandlungen, erworben und dadurch bewiesen werden können. Siehe auch: Women’s International League for Peace and Freedom 2022. Mobilising Men for Feminist Peace.
http://www.wilpf.org/mobilising-men-for-feminist-peace/