Am 04. September haben wir als deutsche Sektion der Women’s International League for Peace and Freedom gemeinsam mit der Stadt Verden zum sechsten Mal den Rebellinnen gegen den Krieg – Anita Augspurg-Preis an eine Frau verliehen, die sich in herausragender Weise für Frieden und Gerechtigkeit einsetzt. Nur wenige Meter entfernt vom damaligen Elternhaus Anita Augspurgs, einer Mitbegründerin der Frauenliga vor 111 Jahren, ging der Preis in diesem Jahr an die feministische Menschenrechts- und Friedensaktivistin Asjad Alnoo aus dem Sudan.
Ein Bericht von Mariana Lechterbeck
*Ausschnitt aus Asjad Alnoos Rede, aus dem Englischen übersetzt
Mit diesen Worten erinnert Asjad Alnoo alle Besucher*innen am Abend der Preisverleihung im Dom zu Verden daran, dass es Alternativen zu Krieg gibt: Gelebte und Erträumte. Ganz besonders aber macht sie deutlich, dass es sich lohnt, für diese Alternativen zu kämpfen.
Schon als sehr junge Frau hat Asjad einen starken Sinn für Gerechtigkeit und engagiert sich politisch. Ihr Aktivismus beginnt damit, gesellschaftliche Normen im Kleinen zu hinterfragen, im eigenen Haus und familiären Umfeld, und ihre politischen Forderungen schon bald in die Öffentlichkeit und auf die Straßen zu tragen. Ihr Studium nutzt Asjad, um zahlreiche politische Vernetzungen zu knüpfen. Als 2018 die wirtschaftliche Situation im Sudan zur Auflehnung gegen den damaligen Machthaber Omar al-Bashir und zur Forderung nach einem demokratischen Sudan führt, ist Asjad, so wie viele Frauen, intensiv an den Protesten beteiligt. Frauen leiten die Revolution 2018/2019 maßgeblich an, planen Aktionen, führen Proteste an, verschaffen sich Gehör.
Eine von ihnen ist Asjad, die sich als Aktivistin und Frau einem doppelten Risiko aussetzt: Sie lehnt sich nicht nur gegen ein Regime, sondern auch gegen patriarchal-gesellschaftliche Normen auf. Wer an den Kundgebungen teilnimmt, muss mit Verhaftung, Gewalt und manchmal sogar dem Tod rechnen. Frauen und Mädchen werden dabei auf besondere Weise misshandelt, inhaftiert und erniedrigt. Auch Asjad verbringt einige Tage im Gefängnis. Nach dem Sturz Omar al-Bashirs übernehmen Militäroberbefehlshaber Abdel al-Burhan und Anführer der paramilitärischen Rapid Support Forces Hemedti die Macht, doch die Gewalt gegenüber Protestierenden, die weiterhin eine demokratische zivile Regierung, Selbstbestimmung und Mitsprache fordern, wird nicht weniger. So ist Asjad auch dabei, als das sogenannte „Khartoum-Massaker“ vom 3. Juni 2019 an der Zivilbevölkerung verübt wird. Nach der endgültigen Machtübernahme der Armee 2021 flieht Asjad aus dem Sudan. Im Ausland hält sie Kontakt zu ihren Verbündeten in der Heimat, ruft aus der Distanz zu Aktionen auf und steht weiter all jenen zur Seite, die für Mitbestimmung, Freiheit und Demokratie eintreten. Später kehrt sie ein weiteres Mal in den Sudan zurück, um insbesondere junge Menschen miteinander in Verbindung zu bringen und gezielt Nachwuchsaktivist*innen Rückhalt zu bieten. Dann jedoch brechen erneut Kämpfe aus.
Seit April 2023 stehen sich die reguläre Armee SAF (geführt durch al-Burhan) und die paramilitärische Miliz RSF (geführt durch Hemedti) gegenüber und verüben beide grausame Verbrechen an der sudanesischen Zivilbevölkerung. Vieles, wofür Asjad und unzählige Mitstreiter*innen schon jahrelang kämpfen, wird abermals zunichte gemacht. Asjad flieht ein weiteres Mal und führt ihren Aktivismus nun in Deutschland fort. Mit Freund*innen und Mitstreiter*innen bereitet sie Gesprächsforen zur Versöhnung im Sudan vor, unterstützt den Aufbau und Erhalt selbstorganisierter Nachbarschaftsnetzwerke (besonders durch Frauen), die humanitäre Hilfe leisten (sogenannte: Emergency Response Rooms), engagiert sich bei einem Programm, das Personen dabei unterstützt, ihre durch den Krieg verschwundenen Angehörigen aufzuspüren, informiert und berichtet über die Lage im Sudan, geht weiter auf die Straße, stärkt aktivistische Netzwerke und hört nie auf für Frieden und Gerechtigkeit im Sudan zu kämpfen.
Während unseres Fachgesprächs mit Aktivist*innen am Morgen der Preisverleihung und in ihrer Rede betont Asjad viele Male, dass sie den Preis stellvertretend für all diejenigen Frauen entgegen nimmt, die sich tagtäglich ebenfalls für Frieden und Gerechtigkeit im Sudan einsetzen, die jedoch – anders als sie – am Tag der Preisverleihung nicht physisch im Dom zu Verden sein können, nicht nur trotz, sondern manchmal auch wegen ihres Engagements. Was Frieden, Gerechtigkeit und auch Widerstand gegen Krieg und Gewalt für Asjad bedeuten, das habe sie darum ganz besonders durch die Arbeit mit Frauen und lokalen Communities im Sudan erfahren, erzählt sie:
Mit dem Rebellinnen gegen den Krieg – Anita Augspurg-Preis möchten wir als WILPF Deutschland gemeinsam mit der Stadt Verden nicht nur das Engagement einer Frau wie Asjad ehren, wir wollen auch die Kontinuitäten und Verbundenheit von diesem Aktivismus und den feministischen Kämpfen für Frieden und Gerechtigkeit über Zeit und Raum hinweg deutlich machen. Sei es dadurch, dass Asjad mit Anita Augspurg verbunden ist, die sich vor über 100 Jahren mit anderen Feminist*innen gegen das Patriarchat und patriarchale Kriegslogiken auflehnte, mit den beeindruckenden Preisträgerinnen der vergangenen Jahre aus Syrien, Armenien, dem Jemen, Griechenland und der Ukraine, oder mit den alltäglichen Friedenspraktiken der Frauen im Sudan, die sie in ihrer Rede erwähnt. Wir danken darum allen Mitwirkenden, die diesen Abend möglich gemacht haben, um ein Kontinuum der Verbundenheit zu schaffen und fortzuführen. Diese Verbundenheit, genau wie auch Asjads Präsenz selbst, machen es ein bisschen leichter, sich ihre Worte zu Herzen zu nehmen und „[u]ns zu weigern, den Krieg zur einzigen Zukunft werden zu lassen, die wir uns vorstellen können.“
Die Preisverleihung war ein Abend, der tief berührend, erschütternd und hoffnungsvoll zugleich war. Was im Sudan passiert, was in dieser Welt passiert, was wir ganz persönlich und gemeinschaftlich damit zu tun haben, aber auch daran ändern können, das kann Angst und Mut zugleich machen. Die Preisverleihung hat einmal mehr gezeigt, dass diese Gleichzeitigkeiten existieren dürfen, aber auch mit einem Auftrag kommen: Kontinuitäten der Gewalt mit Kontinuitäten der Verbundenheit zu durchbrechen.
Als Asjad Alnoo im Dom zu Verden den Rebellinnen gegen den Krieg – Anita Augspurg-Preis entgegen nimmt, laufen ihr Tränen über die Wangen. Mit fester, klarer Stimme schließt sie sich ihrer Cousine aus der ersten Reihe an und wiederholt in einem kraftvollen Sprechgesang die Revolutionsmelodien und -worte, die sie damals gemeinsam auf den Straßen Khartoums riefen. Ihre Stimmen hallen durch den weiten, hohen Raum. Asjad hört nicht auf zu rufen oder zu weinen. Einige Mitglieder des Verbands der Sudanesen des Landkreis Verden im Publikum schließen sich dem Sprechgesang an. Es ist einer dieser Momente, die tief berühren, in denen viele Gefühle und Lebenswege aufeinander prallen, in denen Geschichten von Mut und Verzweiflung, Trauer und Hoffnung, Widerstand und Empathie, von ganz viel Weichheit und gleichzeitiger Kraft und Klarheit erzählt werden. Diese Gleichzeitigkeiten greift WILPFs Laudatorin Shila Block für die Preisträgerin in ihrer Rede auf und fragt: Was macht eigentlich eine Rebellin gegen den Krieg aus? Träume und Visionen, Mut und Kampfgeist, Empathie und Menschlichkeit. Als Asjad Alnoo im Dom zu Verden den Rebellinnen gegen den Krieg – Anita Augspurg-Preis entgegennimmt, laufen ihr Tränen über die Wangen. Mit fester, klarer Stimme schließt sie sich ihrer Cousine aus der ersten Reihe an und wiederholt in einem kraftvollen Sprechgesang die Revolutionsmelodien und -worte, die sie damals gemeinsam auf den Straßen Khartoums riefen. Einmal mehr wird deutlich, dass Asjad die vielen Gleichzeitigkeiten im Kampf gegen Krieg und für Frieden und Gerechtigkeit auf eine besondere Weise in sich vereint. Asjad hört nicht auf zu rufen oder zu weinen. Denn Asjad Alnoo ist eine Rebellin gegen den Krieg.
Ein englischsprachiger Bericht zur Preisverleihung von unserem Mitglied Heidi Meinzolt findet sich auf der Seite von WILPF International.
Bis heute dauert der Krieg im Sudan an. Die Anzahl getöteter Menschen kann nur geschätzt werden und liegt zwischen 150.000 und 400.000. 14 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Im Land herrscht die derzeit größte Hungerkrise weltweit. Der Internationale Strafgerichtshof ermittelt zu den Kriegsverbrechen in West-Darfur und die Massentötungen in El Fasher tragen laut der UN-Untersuchungsmission Merkmale eines Völkermords. Auch dieser Krieg wird besonders auf den Rücken von Frauen und Mädchen ausgetragen: Laut UN Women brauchen 12.7 Millionen Menschen Unterstützung im Zusammenhang mit sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt, die meisten davon Frauen und Mädchen. Sowohl SAF als auf RSF werden Kriegsverbrechen vorgeworfen, hinzu kommen weitere bewaffnete Gruppen und die geopolitischen Interessen anderer Nationen, die offen oder verdeckt die verschiedenen Akteure unterstützen oder sich aufgrund ihrer engen Beziehungen zu anderen (indirekt) involvierten Staaten in ihrer Handlungsmacht gegen die Eskalation der Gewalt eingeschränkt sehen. Aufgrund dieser fatalen Priorisierung eigener wirtschaftlicher und diplomatischer Interessen gegenüber einem konsequenten Einsatz für Menschenrechte wird auch im Sudan immenses Leid in Kauf genommen. Hauptleidtragende sind Zivilist*innen und Geflüchtete sowie die Widerstandskomitees, die weiterhin Nothilfe organisieren. In der Praxis kaum umsetzbare Sanktionen und Waffenstillstandsappelle reichen nicht aus!
Um Druck auf unsere Regierungen ausüben zu können und unseren Forderungen nach ernsthafter und konsequenter Unterstützung bei der Aufklärung der Verbrechen, der Aufnahme sudanesischer Geflüchteter statt Abschottung und mehr humanitärer Hilfe direkt über die Widerstandskomitees Nachdruck zu verleihen, müssen wir dafür sorgen, dass der Krieg auch in der deutschen Zivilgesellschaft mehr Aufmerksamkeit erhält und wir sprechfähig werden. Bei unserem feministischen Lesekreis im Februar haben wir versucht, uns mit Texten aus der Feminist Reading List einen Überblick zu verschaffen.
